Gründe für den Mitgliederschwund in der SPD – warum es sinnvoll ist nach dem Aktivitätsgrad ihrer Mitglieder zu unterscheiden

Von Anne-Kathrin Fischer.

Ob der Grad an innerparteilicher Aktivität im Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit eines Parteiaustritts steht, wurde in der Parteienforschung breit debattiert. Die zentrale These ist hierbei, dass mit steigendem Aktivitätsniveau die Austrittsgefahr sinke. Dieser Frage wurde auch in zwei empirischen Studien zur SPD im Unterbezirk Siegen-Wittgenstein unter Leitung von Professor Nicolai Dose (Universität Duisburg-Essen) nachgegangen, bei der sowohl ausgetretene als auch derzeitige Mitglieder befragt wurden.

Wer tritt eher aus?
Die Verteilung von aktiven und passiven Mitgliedern unter den befragten ehemaligen Mitgliedern zeigte, dass die genannte These auf Basis dieser Verteilung nicht gestützt werden konnte. Der Aktivitätsgrad der Ausgetretenen lag demnach wider Erwarten höher. Möglicherweise kann dieses der bislang verbreiteten Auffassung widersprechende Ergebnis mit der vermutlich höheren Antwortbereitschaft von Befragten mit stärkerer innerparteilicher Aktivität in Zusammenhang stehen. Ehemaligen Mitgliedern, die sich aktiv eingebracht haben, ist ein größeres Interesse an der Teilnahme der Studie zu unterstellen als passiven Ex-Mitgliedern, da bei ersteren die Identifikation mit der SPD und die Auskunftsbedürftigkeit höher einzustufen sind. Auch die multivariate Analyse der Befragung aktueller Mitglieder in Hinblick auf ihre Austrittsgefahr (konkret in Bezug auf die Frage, ob sie im Laufe ihrer Mitgliedschaft bereits über einen Parteiaustritt nachgedacht haben) konnte keine zuverlässige Aussage zur Wirkung von aktiver Mitarbeit in der Partei formulieren. Es lässt sich also nicht zweifelsfrei belegen, dass gut in die Partei integrierte Mitglieder seltener austreten.

Erst Rückzug dann Austritt?
Dennoch führte die vergleichende Analyse von aktiven und passiven (ehemaligen) Parteimitgliedern zu einigen interessanten Ergebnissen:
Obwohl keine definitive Aussage darüber gemacht werden konnte, ob passive Mitglieder eher die Partei verlassen, lässt sich festhalten, dass passive Mitglieder durchaus eher über einen Austritt nachdenken, wenn sie anderweitig politisch aktiv sind. Auch konnte gezeigt werden, dass der Aktivitätsgrad der Mitglieder ein wichtiger Indikator für die Zufriedenheit mit der eigenen Partei sein kann. Nimmt man den Aktivitätsgrad in den Jahren unmittelbar vor dem Austritt aus der Partei in den Blick, wird eine Tendenz zur Rücknahme des innerparteilichen Engagements im Vorfeld des Parteiaustrittes erkennbar. Für diesen Zeitraum stuften sich schließlich noch 40 Prozent der Befragten als „überwiegend aktiv“ ein, wohingegen 57 Prozent sich für die gesamte Mitgliedschaftsdauer als überwiegend aktiv bezeichnen würden. Die Rücknahme der innerparteilichen Aktivität kann hierbei als erster Schritt im Umgang mit der Unzufriedenheit gewertet werden, mit dem die Kosten der Mitgliedschaft (wie bspw. das Arbeitsleid) vermindert werden. Insofern ist bei einem Parteimitglied, das sein aktives Engagement aufgibt, davon auszugehen, dass es Kosten und Nutzen der aktiven Mitgliedschaft in einem Missverhältnis sieht. Gleichzeitig bestehen in diesem Fall offenbar noch in ausreichendem Umfang Anreize, die Parteimitgliedschaft als passives bzw. passiveres Mitglied fortzuführen. Die Rücknahme von innerparteilichen Engagement kann damit als ein Indikator verstanden werden, der auf ein unausgewogenes Verhältnis der Kosten-Nutzen-Relation einer aktiven Parteimitgliedschaft hinweist. Letztendlich traten die Befragten der ersten Studie trotz verminderter Kosten für die Mitgliedschaft aus der SPD aus. Dieser Umstand deutet darauf hin, dass die Anreize zum Verbleib in der SPD selbst die vergleichsweise geringen Kosten einer passiven Mitgliedschaft nicht aufwiegen konnten und somit der Nutzen nicht mehr gewährleistet wurde.

Gründe für den Parteiaustritt
Interessant sind hierbei auch die Gründe für den Parteiaustritt bei aktiven und passiven Mitgliedern im Vergleich. Für passive Mitglieder spielen hauptsächlich politische Entscheidungen auf Bundesebene sowie das Erscheinungsbild der SPD insgesamt eine Rolle. Können sie sich auf Dauer nicht mehr mit der Bundespolitik und auch den Spitzenpolitikern identifizieren, kehren sie ihrer Partei den Rücken. Treten hingegen aktive Mitglieder aus, üben diese schärfere Kritik an den Verhältnissen auf regionaler Ebene als dies passive Mitglieder tun. Auch führen sie insgesamt eine größere Zahl von (durchaus vielfältigen) Austrittsgründen an. Dies kann als Beleg für die These interpretiert werden, dass aktive Mitglieder erst bei größerer Unzufriedenheit austreten als passive Mitglieder.

 

Die Ergebnisse im Einzelnen finden Sie hier:

Dose, Nicolai/Fischer, Anne-Kathrin/Golla, Nathalie, 2016: Die Partei im regionalen Fokus: Mitgliederschwund, Alterungsprozesse und Mitgliederpartizipation bei der SPD – Ergebnisse zweier empirischer Studien. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden. ISBN: 078-3-8487-3131-2. DOI: 10.5771/9783845274942

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Eine Antwort auf Gründe für den Mitgliederschwund in der SPD – warum es sinnvoll ist nach dem Aktivitätsgrad ihrer Mitglieder zu unterscheiden

  1. Höhmann sagt:

    Die Entscheidungsmuster über einen Austritt aus der SPD sind doch nicht überraschend. Sie passen auch ohne rational choice Überlegungen gut in die Linie unvollständiger und hierarchisch aufgebauter Integration eines "ehernen Gesetzes der Oligarchie". Nur konsequent ist dann der Besuch einer Ortsvereinsversammlung mit Wahlen, an denen 19 der über 300 Mitglieder teilnahmen. Interessant ist, dass der Rest nicht austritt, aber auch weder reale Teilnahme- noch Entscheidungsmöglichkeiten hat. Macht es dann für die politisch interessierte Gruppe nicht Sinn, diese an anderer Stelle zu finden?

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