Von der Diktatur in die Demokratie? Die politische Integration von Menschen spanischer, portugiesischer und griechischer Herkunft in Deutschland

Von Manuel Diaz Garcia

 

Info über den Autor:

Manuel Diaz Garcia beendete im März 2020 den Bachelor Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit mit dem Titel „Von der Diktatur in die Demokratie? Eine qualitative Inhaltsanalyse von Einzelinterviews zur politischen Integration von Menschen spanischer, portugiesischer und griechischer Herkunft in Deutschland“ untersuchte er die politische Integration von Migrantinnen[1] in Deutschland. Im folgenden Beitrag werden einige Ergebnisse dieser Bachelorarbeit vorgestellt.

 

In einem Land, in dem der Anteil von Migrantinnen in der Bevölkerung über die letzten Jahre immer größer geworden ist und diese auch zunehmend die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, müssen wir uns eine essentielle Frage stellen: Wie denken Migrantinnen in Deutschland politisch?  Die bisherige Forschung konzentriert sich hier lediglich auf die politischen Einstellungen der größten Minderheiten – Deutschtürken oder Russlanddeutschen (Diehl und Blohm 2001; Doerschler 2004; Simon und Ruhs 2008; Simon et al. 2013). Andere Gruppen hingegen werden kaum bis gar nicht thematisiert. Die Gruppe der Menschen mit spanischem, portugiesischem und griechischem Migrationshintergrund fällt in genau diese Kategorie. Von den politischen Einstellungen dieser Menschen ist bisher nichts bekannt. Dabei ist gerade diese Gruppe besonders interessant, da die Menschen aus allen drei Herkunftsländern in den 1960er und 1970er Jahren Erfahrungen mit diktatorischen Regimen gemacht haben und im Laufe ihres Lebens in die demokratische Bundesrepublik Deutschland kamen. Dementsprechend erfuhren sie eine große politische Umstellung.

Zunächst steht die Frage im Raum, wie genau politische Einstellungen in diesem Kontext überhaupt zu verstehen sind. Wenn wir uns vorstellen, dass sich Migrantinnen kulturell oder wirtschaftlich in eine Gesellschaft integrieren können, so ist auch politische Integration denkbar. Und eben genau diese politische Integration ist ein Konzept, das sich mit Blick auf bestehende Forschungsliteratur in politische Einstellungen und politisches Verhalten von Migrantinnen unterscheiden lässt (Eggert und Giugni 2010; Morales 2011). Da es sich hier aber nicht nur um einzelne Individuen sondern auch gesamte Gruppen handeln kann, lässt sich politische Integration ebenfalls danach unterscheiden, ob sie auf der Individual- oder Kollektivebene stattfindet. Beispielsweise ist Integration sowohl in Form von Wahlbeteiligung (Individualebene) als auch in Form der Organisation von Migranten in Vereinen (Kollektivebene) denkbar.

Nun gilt es herauszufinden, welche Faktoren die zuvor angesprochene politische Integration beeinflussen. Abbildung 1 zeigt ein neues theoretisches Modell für die Erklärung von politischer Integration anhand von Determinanten aus bisheriger Forschung, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen. Zum einen allgemeine Determinanten, die Einstellungen und Verhalten sowohl der autochthonen als auch der allochthonen  Bevölkerung beeinflussen. Zum anderen migrationsspezifische Determinanten, die vor allem bei der Betrachtung von Einstellungen und Verhalten von Migrantinnen wichtig sind. Der große Vorteil an diesem Modell: Es lässt sich individuell anpassen, je nachdem welche Gruppe von Migrantinnen man betrachten möchte. Denn jede Gruppe bringt ihre eigenen Spezifikationen mit, weshalb statische Modelle zu kurz greifen.

Abb 1 Blog Manu

 

 

 

 

Abbildung 1(eigene Darstellung): Determinanten für die politische Integration von Migrantinnen

Aufgrund der Dynamik des Modells lässt es sich für jede Gruppe individuell anpassen. So ist es dann auch für die Gruppe von Menschen mit spanischem, portugiesischem und griechischem Migrationshintergrund in Abbildung 2 geschehen. Hier liegt der Fokus aufgrund der Besonderheiten der Gruppe neben Staatsbürgerschaft, Einwanderergeneration und Identifikation mit der eigenen Gruppe als Determinanten auch auf dem Migrationsgrund und der Herkunft aus einem autoritären Regime. Um einen ersten kurzen Einblick in die Thematik zu bieten, möchte ich im Folgenden auf das politische Interesse der Menschen auf Individualebene eingehen.

Abb 2 Blog Manu

 

 

 

 

Abbildung 2 (eigene Darstellung):  Migrationsspezifische Determinanten zur Erklärung von politischen Einstellungen von Menschen mit spanischem, portugiesischem und griechischem Migrationshintergrund in Deutschland


Eine qualitative Inhaltsanalyse von 15 semistrukturierten Einzelinterviews mit Personen spanischer, portugiesischer und griechischer Herkunft ergab Folgendes:

Sowohl die Staatsbürgerschaft als auch die Migrationsgeneration scheinen ausschlaggebend für das politische Interesse zu sein. Dabei geht es sowohl um das Interesse an der Politik in Deutschland als auch um das Interesse an der Politik im Herkunftsland. Wie sich bereits im Vorfeld vermuten lässt, interessieren sich die Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft weniger für die Politik im Herkunftsland, während die Befragten ohne deutsche Staatsbürgerschaft weniger Interesse an der deutschen Politik zeigten. Dasselbe finden wir auch beim Vergleich der beiden Migrationsgenerationen. Migrantinnen der ersten Generation haben weniger Interesse an der Politik in Deutschland und Migrantinnen der zweiten Generation bekunden weniger Interesse an der Politik im Herkunftsland.

Wie eingangs erwähnt lohnt es sich vor allem diese drei Gruppen anzuschauen, da sie durch ihre Erfahrungen mit einem diktatorischen Regime aus politikwissenschaftlicher Sicht äußerst interessant sind. Aber wie genau wirkt sich das auf das politische Interesse von Menschen aus? In den Interviews hat sich herausgestellt, dass die Befragten erster Generation, die ihre politische Sozialisation unter dem diktatorischen Regime im Herkunftsland erlebt haben, weniger Interesse an der Politik in Deutschland zeigen als diejenigen, die ihre politische Sozialisation in Deutschland erfuhren.

Wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit lassen sich selbstverständlich auch hier Grenzen der Erkenntnis hervorheben, die zu weiterer Forschung im Bereich der politischen Integration von Migrantinnen anregen. In gewisser Weise sind auch die Ergebnisse hier von dem Problem betroffen, dass mehrere Gruppen gleichzeitig betrachtet werden, obwohl sich in der bisherigen Forschung zeigte, dass jede Gruppe für sich individuelle Charakteristika besitzt. So wäre in zukünftiger Forschung eine Betrachtung der drei Gruppen mit spanischem, portugiesischem oder griechischem Migrationshintergrund im Einzelnen möglich – dazu bietet sich vor allem der hier vorgestellte theoretische Ansatz an. Darüber hinaus sind auch anschließende qualitative und quantitative Forschungen denkbar: Um die politische Integration gezielter Gruppen noch detaillierter zu erfassen; mehr Menschen aus mehreren Herkunftsländern zu befragen oder sogar internationale Vergleiche zu ermöglichen.

Referenzen

Diehl, Claudia, und Michael Blohm. 2001. ‘Apathy, adaptation or ethnic mobilisation? On the attitudes of a politically excluded group’, Journal of Ethnic and Migration Studies, 27: 401-20.

Doerschler, Peter. 2004. ‘Education and the development of Turkish and Yugoslav immigrants’ political attitudes in Germany’, German Politics, 13: 449-80.

Eggert, Nina, und Marco Giugni. 2010. ‘Does Associational Involvement Spur Political Integration? Political Interest and Participation of Three Immigrant Groups in Zurich’, Swiss Political Science Review, 16: 175-210.

Morales, Laura. 2011. ‘Conceptualizing and Measuring Migrants’ Political Inclusion.’ in Laura Morales und Marco Giugni (Hrsg.), Social Capital, Political Participation and Migration in Europe: Making Multicultural Democracy Work? (Palgrave Macmillan UK: London).

Simon, B., F. Reichert, und O. Grabow. 2013. ‘When Dual Identity Becomes a Liability: Identity and Political Radicalism Among Migrants’, Psychological Science, 24: 251-57.

Simon, B., und D. Ruhs. 2008. ‘Identity and Politicization Among Turkish Migrants in Germany: The Role of Dual Identification’, Journal of Personality and Social Psychology, 95: 1354-66.

 


[1] Der besseren Lesbarkeit halber wird in diesem Text lediglich die weibliche Form im Plural benutzt. Die männliche Form ist hier jedoch selbstverständlich immer mit eingeschlossen.


 

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