Populistische Einstellungen zu demokratischen Entscheidungsverfahren und die Wahl der AfD

Von Claudia Landwehr und Nils Steiner [1].

Populistische Parteien zeichnen sich nicht nur durch ihre inhaltlichen Politikpositionen zu verschiedenen Sachfragen aus, sie artikulieren auch eine Kritik an den Verfahren der repräsentativen Demokratie. Hinter dieser Kritik steht ein alternatives Demokratieverständnis. Ob Bürger sich von populistischer Rhetorik überzeugen lassen, sollte vor diesem Hintergrund davon abhängen, welche Haltungen sie selbst dazu haben, wie in einer Demokratie entschieden werden sollte. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen wir vor diesem Hintergrund, erstens, ob sich die Demokratievorstellungen von Anhängern der AfD, als (rechts-)populistischer Partei, von denen von Anhängern anderer Parteien unterscheiden und, zweitens, ob diese Einstellungen zur Demokratie auch tatsächlich einen Einfluss auf Wahlentscheidungen für die AfD haben.

Unsere Untersuchung folgt dem Verständnis des Populismus von Cas Mudde (2007), der unter Populismus eine sogenannte „dünne Ideologie“ versteht, nach der die Gesellschaft in zwei homogene, sich feindlich gegenüberstehende Gruppen zerfällt, „das einfache Volk“ und „die korrupte Elite“, und nach der die Politik ein Ausdruck des als homogen aufgefassten Willens des Volkes sein sollte. Verschiedene Forschungsarbeiten haben bereits untersucht, ob die AfD als Partei in diesem Sinne als populistisch einzuordnen ist. Insbesondere nach dem Wandel der Partei und der Abspaltung des „Ökonomenflügels“ um den Parteigründer Bernd Lucke nach dem Essener Parteitag im Juli 2015 bedient sich die AfD einer Rhetorik, die man recht eindeutig als populistisch einordnen kann (s. z. B. die Analyse von Simon Franzmann hier). Zumindest Teile der Partei, insbesondere der AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl Alexander Gauland (s. hier), bekennen sich auch selbst offen zum Populismus.

Unsere Forschungsarbeit betrachtet nun die Wähler der AfD und insbesondere deren Demokratieverständnisse. Uns geht es darum Demokratieverständnisse zu identifizieren, die für Populismus empfänglich sind. Wir argumentieren, dass sich solche populistischen Demokratieverständnisse im Einzelnen an drei Einstellungsmustern zur Demokratie festmachen lassen:

  1. Majoritarismus: Mit Majoritarismus bezeichnen wir die zentrale Rolle, die dem Willen der Mehrheit zugesprochen wird. Nach einem populistischen Demokratieverständnis ist der Mehrheitswille umzusetzen, auch wenn dadurch Minderheiteninteressen oder gar -rechte verletzt werden.
  2. Unmittelbarkeit: Unter Unmittelbarkeit verstehen wir ein Verständnis von politischer Repräsentation, wonach Repräsentanten wenig eigene Entscheidungsfreiheit und Urteilsbildung zugebilligt wird, sondern ihre Rolle darin gesehen wird, den Willen des Volkes bzw. der Mehrheit des Volkes umzusetzen.
  3. Antipluralismus: Mit dem Glauben an einen homogenen Willen des Volkes, den es umzusetzen gilt, geht eine Haltung einher, die unter demokratischer Politik nicht einen pluralistischen Wettbewerb und ein Aushandlungsprozess zwischen verschiedenen gleichermaßen legitimen Interessen versteht. Ein populistisches Demokratieverständnis sieht politischen Pluralismus folglich skeptisch.

Ein solchermaßen definiertes populistisches Demokratieverständnis haben wir versucht mit Umfragedaten des GESIS-Panels zu erfassen. Diese Wiederholungsbefragung wurde so konzipiert, dass sie repräsentativ für die deutschsprachige deutsche Wohnbevölkerung im Alter von 18 bis 70 ist. Wir haben eine Fragebatterie dazu ausgewertet, wie in einer Demokratie entschieden werden sollte. Die Befragten wurden dabei im August und September 2015 gebeten, ihre Zustimmung oder Ablehnung zu verschiedenen Aussagen über demokratische Entscheidungsverfahren auszudrücken. (Eine allgemeinere Auswertung dieser Fragebatterie haben wir bereits an anderer Stelle vorgenommen.) Jeweils drei Fragen konnten wir der Unmittelbarkeit und dem Majoritarismus zuordnen, zwei dem Antipluralismus. Die gleichen Befragten wurden im Juni und Juli 2016 nach ihren Wahlabsichten befragt, „wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre“.

In einem ersten Schritt haben wir geprüft, wie sich die mittleren Positionen der Wähler der unterschiedlichen Parteien unterscheiden. In der Abbildung unten sind die mittleren Positionen abgetragen (mit jeweils einer Linie für das sogenannte 95%-Konfidenzintervall, das angibt, wie unsicher die statistische Schätzung des Mittelwertes in Bezug auf die Grundgesamtheit ist). Wir haben einige Items in der Darstellung gedreht, sodass höhere Werte stets für die „populistischere“ Ausprägung stehen. Es ist deutlich erkennbar, dass Befragte mit Wahlpräferenz AfD im Mittel jeweils deutlich populistischere Haltungen einnehmen als die Anhänger der anderen größeren Parteien: Sie neigen jeweils stärker dem Majoritarismus, der Unmittelbarkeit und dem Antipluralismus zu. Interessanterweise sind zumindest in Bezug auf die Unmittelbarkeit und den Antipluralismus die Nichtwähler teils ähnlich populistisch eingestellt.

Claudia Landwehr und Nils Steiner

Mittlere Position der Befragten für die Items, welche Einstellungsmuster zur Demokratie messen, nach der von den Befragten angegebenen Wahlpräferenz

In einem zweiten Schritt haben wir untersucht, ob diese populistischen Haltungen zur Demokratie auch tatsächlich einen Einfluss auf die Wahl der AfD haben. Hierzu haben wir auf Basis der acht Fragen von oben einen einfachen Mittelwertindex, einen Populismus-Index, gebildet. Mit einem statistischen Modell, einer binär-logistischen Regression, versuchen wir vorherzusagen, ob die Befragten die AfD präferieren oder eine andere der größeren Parteien (CDU/CSU, SPD, Die Linke, Grüne, FDP). Über dieses Modell lässt sich prüfen, ob die populistischen Haltungen zur Demokratie noch einen eigenständigen Effekt auf die Wahl der AfD haben, wenn wir gleichzeitig über sogenannte Kontrollvariablen (z. B. Links-Rechts-Position, Haltungen zu Multikulturalismus, Leistungen für Asylbewerber, allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik) den Einfluss bekannter Motive der Wahl der AfD berücksichtigen (s. z. B. das Arbeitspapier von Achim Goerres, Dennis Spies und Staffan Kumlin). Die Abbildung unten stellt dar, wie sich die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit der Wahl der AfD nach diesem statistischen Modell mit einer Erhöhung des Populismus-Index von seinem Minimum auf sein Maximum verändert. Gleichzeitig sieht man wie sich die Wahrscheinlichkeit der Wahl der AfD mit einem Anstieg der zusätzlichen Kontrollvariablen (von ihrem Minimum auf ihr Maximum) verändert. Neben dem genauen Schätzwert geben sogenannte 95%-Konfidenzintervalle die statistische Unsicherheit um den geschätzten Effekt an.

Veränderung der Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen bei Anstieg der des Populismus-Indexes und der Kontrollvariablen vom Minimum zum Maximum

Veränderung der Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen bei Anstieg des Populismus-Indexes und der Kontrollvariablen von deren Minimum zum Maximum

Unsere Ergebnisse zeigen einen bedeutsamen und statistisch von null deutlich verschiedenen Effekt des Populismus-Index: Erhöht sich der Populismus-Wert von seinem Minimum auf sein Maximum, steigt die Wahrscheinlichkeit der Wahl der AfD nach der Schätzung um 16,8 Prozentpunkte. Der Effekt ist damit größer als z. B. der von Haltungen zu Leistungen für Asylbewerber (-14,4 Prozentpunkte) und Demokratiezufriedenheit (-10,9 Prozentpunkte). Ein ähnlicher großer Effekt geht von den Haltungen zu kultureller Vielfalt aus (-17,2 Prozentpunkte). Noch deutlich stärkere Effekte zeigen nur die Links-Rechts-Selbsteinstufung (23,4 Prozentpunkte) und das politische Vertrauen (-22,2 Prozentpunkte).

Um noch sicherer zu gehen, dass es sich tatsächlich um einen kausalen Effekt der populistischen Haltungen zur Demokratie handelt, haben wir die Möglichkeiten ausgenutzt, die uns die Wiederholungsbefragung bietet. Die Befragten wurden im Juni/Juli 2015, d. h. ein Jahr vorher, schon einmal zu ihrer Wahlabsicht befragt. Über diese Angaben konnten wir ermitteln, wer ein Neuwähler der AfD ist. Es könnte ja sein, dass Bürger die Haltungen ihrer präferierten Partei zu demokratischen Entscheidungsverfahren übernehmen, diese Partei aber eigentlich aus anderen Gründen gut finden. Diese Möglichkeit können wir weitgehend ausschließen; denn es zeigt sich, dass wir mit dem Populismus-Index auch „prognostizieren“ können, wer zu einem neuen Unterstützer der AfD geworden ist und wer nicht.

Unseres Erachtens sind diese Befunde insofern bedeutsam, als sie zeigen, dass der Wettbewerb der Parteien um Wählerstimmen nicht nur von Sachfragenpositionen geprägt ist, sondern auch davon, dass Parteien an unterschiedliche Vorstellungen appellieren, wie in einer Demokratie entschieden werden sollte. Gewissermaßen zeigt sich, dass der Verfahrenskonsens über demokratische Entscheidungsprozeduren brüchig ist. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Erfolgschancen einer populistischen Mobilisierung durch Parteien auch von der Verbreitung spezifischer Demokratievorstellungen in der Bevölkerung abhängen. Vor diesem Hintergrund scheint es lohnenswert weitere Forschung dazu zu betreiben, von was die „populistischen“ Demokratievorstellungen wiederum selbst beeinflusst sind.


[1] Univ.-Prof. Dr. Claudia Landwehr, Professorin für Politik und Wirtschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Politikwissenschaft, 55099 Mainz, landwehr@politik.uni-mainz.de

Dr. Nils D. Steiner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Politikwissenschaft, 55099 Mainz, steiner@politik.uni-mainz.de.

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

560 Euro Grundeinkommen in Finnland

Finnland führt derzeit ein aufregendes sozialwissenschaftliches Experiment durch: Von 2017 bis 2018 erhalten 2000 Finnen ein Grundeinkommen. Die TeilnehmerInnen wurden aus allen Arbeitslosen Finnlands zwischen 25 und 58 Jahren zufällig ausgewählt und bekommen eine steuerfreie Zahlung von 560 Euro pro Monat. Als Kontrollgruppe fungieren die ca. 175.000 nicht ausgewählten Arbeitslosen zwischen 25 und 58 Jahren.

Das Experiment gilt als ein zentrales Projekt der Regierung von Premierminister Juha Sipilä, die sich aus Zentrum, Nationaler Sammlungspartei und Wahren Finnen zusammensetzt. Die Regierung erwartet insbesondere, dass ein Grundeinkommen Fehlanreizen auf dem Arbeitsmarkt entgegenwirken, Bürokratie abbauen und auf einen sich wandelnden Arbeitsmarkt (etwa mit zunehmend prekären Beschäftigungsverhältnissen) reagieren kann. Grundsätzlich sollen mit Hilfe des Experiments Informationen über die Effekte eines Grundeinkommens auf die Beschäftigung generiert werden.

Im Rahmen einer Ausschreibung der Regierung wurde eine Forschungsgruppe ausgewählt, der die Projektplanung oblag und deren Leitung die finnische Sozialversicherungsanstalt Kela übernahm. Sie entwickelte zunächst verschiedene Modelle des Grundeinkommens für den finnischen Kontext weiter und stellte diese daraufhin zur Diskussion.

Letztlich fiel die Entscheidung der Regierung auf das sogenannte partielle Grundeinkommen (PBI). Nach diesem Modell entspricht das Niveau des Grundeinkommens lediglich der Grundsicherung. Die Arbeitslosen erhalten demnach nicht mehr Geld als zuvor. Wenn sie jedoch eine Arbeitsstelle antreten oder ein Unternehmen gründen, wird das Grundeinkommen fortgezahlt.

Wird die Zahlung des Grundeinkommens eine schnellere Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit befördern?

Eine Auswertung der Ergebnisse des Experiments ist für 2019 geplant.

Weiterführende Links:

http://www.kela.fi/web/en/basic-income-experiment-2017-2018

http://blogi.kansanelakelaitos.fi/arkisto/2937

Referenzen:

Bigalke, Silke (2017): Wie Finnland eine soziale Revolution ausprobiert. In: Süddeutsche.de, 7. Februar 2017.

Kangas, Olli / Kalliomaa-Puha, Laura (2016): Basic income experiment in Finland. ESPN Flash Reports. Nr. 13/2016. European Social Policy Network.

Kangas, Olli / Simanainen, Miska / Honanen, Pertti (2017): Basic Income in the Finnish Context. In: Intereconomics, 52 (2): 87-91.

Veröffentlicht unter politische Zahlen im Fokus | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund: Die erste Migrantenwahlstudie anlässlich der Bundestagswahl 2017

Von Sabrina Jasmin Mayer (Universität Duisburg-Essen).

Im Oktober 2016 ist am Lehrstuhl für Empirische Politikwissenschaft das DFG-geförderte Drittmittelprojekt „Das Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund: Die erste Migrantenwahlstudie anlässlich der Bundestagswahl 2017“ gestartet. Das Projekt wird unter der Leitung von Prof. Dr. Achim Goerres und PD Dr. Dennis Spies (Cologne Center for Comparative Politics) durchgeführt und von der Projektmitarbeiterin Dr. Sabrina Mayer koordiniert. Ziel ist es, bis zum September 2019 die erste deutsche Wahlstudie unter deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund durchzuführen, d.h. unter solchen Personen, die entweder selbst nach Deutschland immigriert sind oder die mindestens einen Elternteil mit eigener Migrationserfahrung haben.

Aufgrund des stetig wachsenden Anteils von deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund, der mittlerweile bei knapp 8,7 Millionen der Wahlbevölkerung liegt, ist die Erforschung des Wahlverhaltens dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe von erheblicher wissenschaftlicher und politischer Relevanz. Während zur Erklärung der Wahlbeteiligung von Migrant/innen bereits einige theoretische Erklärungsmodelle bestehen, fehlen theoretische Überlegungen zur Erklärung der konkreten Wahlentscheidung für eine Partei bislang fast völlig.

Bisherige Studien konnten aufgrund der geringen Fallzahlen oftmals nur wenig differenzierte Aussagen über das Wahlverhalten von deutschen Staatsbürger/innen mit Migrationshintergrund treffen, da hier oftmals verschiedene Migrationsgruppen und -generationen zusammengefasst werden mussten, keine multivariaten Analysen möglich waren oder sich die Analysen nur auf einzelne Bundesländer konzentrierten.

Ergebnisse von Studien, die auch politische Merkmale mit erhoben haben, konnten jedoch zeigen, dass es substanzielle Unterschiede in der parteipolitischen Ausrichtung gibt: So berichten 69,8 Prozent der türkeistämmigen Migranten in Deutschland eine Bindung an die SPD, während dies nur bei 25,6 Prozent der Spätaussiedler der Fall ist (SVR 2016: 13-14). Auch andere, bisherige Studien (Wüst 2004) zeigen die inhaltlichen Differenzen zwischen den einzelnen Migrantengruppen.

In anderen Ländern wurden migrantenspezifische Wahlstudien bereits durchgeführt, siehe beispielsweise der Ethnic Minority British Electoral Survey in Großbritannien.

Für die Wahlforschung stellen Wähler/innen mit Migrationshintergrund eine hoch relevante Zielgruppe dar, da sich ihre politische Sozialisation von den Erfahrungen der autochthonen Bevölkerung zum Teil deutlich unterscheidet. Wir konzentrieren uns aus forschungspraktischen Gründen auf die zwei bedeutendsten Migrantengruppen in Deutschland, deutsche Staatsbürger/innen mit türkischem Migrationshintergrund (etwa 1,3 Mio. Personen) und mit russischem/ex-sowjetischem Migrationshintergrund (etwa 2,4 Mio. Personen).

Wir möchten an die bisherigen Studien zum Wahlverhalten von Migrant/innen anknüpfen und eine Vielzahl von Sachverhalten, wie die Bedeutung von nationaler Identität, Diskriminierungserfahrung, ökonomischer Einschätzung, für Deutschland untersuchen. Ob etablierte Theorien der Wahlforschung, wie beispielsweise das sozialpsychologische Modell (Campbell et al. 1960), auch das Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund erklären können, oder ob dieses überwiegend von migrantenspezifischen Eigenschaften bestimmt wird, ist daher das zentrale Erkenntnisinteresse.

In der ersten Phase des Projekts, die im Januar gestartet ist, führen wir Fokusgruppeninterviews mit Staatsbürger/innen mit türkischem bzw. russischem/ex-sowjetischem Migrationshintergrund durch. Hierdurch werden wir genauere Einblicke in die Bedeutungsdimensionen nationaler Identität, der Bewertung der deutschen Außenpolitik gegenüber dem Herkunftsland und Themenorientierungen erlangen.

Diese Erkenntnisse werden anschließend für die Fragebogenentwicklung der quantitativen Phase genutzt. Hier führen wir zeitgleich mit der GLES-Nachwahlbefragung im November 2017 je 500 standardisierte, persönliche Interviews mit Staatsbürger/innen mit türkischem bzw. russischem/ex-sowjetischem Migrationshintergrund ab 16 Jahren durch.

Für die repräsentative Auswahl der Teilnehmer greifen wir auf ein komplexes Verfahren zur Stichprobenziehung zurück, das auf Auszügen aus den Melderegistern kombiniert mit einem onomastischen Verfahren beruht. Hierfür werden in einem ersten Schritt aus allen Gemeinden/Städten in Deutschland 150 Sample Points gezogen. Dafür wird die Ziehungswahrscheinlichkeit der Gemeinden mit der Anzahl der Einwohner gewichtet. Anschließend werden aus den Melderegistern Personenstichproben gezogen. Auf die Vor- und Nachnamen wird ein onomastisches Verfahren angewandt, das es ermöglicht, für jede Namenskombination eine Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, ob es sich dabei um eine Person mit türkeistämmigem bzw. ex-sowjetischem Hintergrund handelt.

Die Interviews erfolgen persönlich und können auf Wunsch der Befragten entweder auf Deutsch oder auf Russisch bzw. Türkisch durchgeführt werden. Aus anderen Befragungen ist bekannt, dass türkeistämmige Migranten zu einem sehr hohen Anteil eine Befragung in der Herkunftssprache bevorzugen (Sauer 2014: 14). Daher ermöglicht dieses mehrsprachige Erhebungsdesign erstmalig die repräsentative Analyse der wichtigsten Motive des Wahlverhaltens von Migrant/innen.

Erste Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen werden wir im Frühsommer 2017 auf mehreren Konferenzen präsentieren und auch hier im Blog vorstellen.

 

Referenzen:

Campbell, Angus; Converse, Philip E.; Miller, Warren E.; Stokes, Donald E. (1960): The American Voter. New York.

EMBES: Ethnic Minority British Electoral Survey, online unter: http://www.sociology.ox.ac.uk/research/embes-the-ethnic-minority-british-election-study.html

Sauer, Martina (2014): Integrationsprozesse, wirtschaftliche Lage und Zufriedenheit türkeistämmiger Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der Mehrthemenbefragung 2013, online unter: http://zfti.de/downloads/bericht-nrw-2013_end.pdf

SVR-Forschungsbereich (2016): Schwarz, rot, grün – welche Parteien bevorzugen Zuwanderer? Berlin, online unter: https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2016/11/PB_Parteipraeferenzen.pdf

Wüst, Andreas (2004): Naturalised Citizens as Voters. Behaviour and Impact. In: German Politics 13 (2). DOI: 10.1080/0964400042000229972.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Wählen als Bürgerpflicht? Die subjektiv empfundene Wahlnorm der 16- und 17-Jährigen im Vergleich

von David Johann (DZHW & Universität Wien) und Sabrina Jasmin Mayer (Universität Duisburg-Essen). Vollständiger Artikel als PDF zum Download.

Eine Wahlaltersenkung auf 16 Jahre wird in vielen Ländern diskutiert – auch in Deutschland. Es verwundert daher nicht, dass sich in den letzten Jahren zahlreiche Studien mit Argumenten für und wider eine Senkung des Wahlalters auseinandergesetzt haben. Einige dieser Beiträge stehen einer Senkung des Wahlalters kritisch gegenüber. Die Autoren begründen ihre Skepsis mit der mangelnden politischen Reife 16- und 17-Jähriger, die sie z.B. an ihrem geringeren politischen Interesse und Wissensstand festmachen (so Chan und Clayton 2006 für Großbritannien). Studien zu Österreich, dem bisher einzigen Land in Europa, in dem 16- und 17-Jährige seit 2007 bei nationalen Wahlen (Nationalratswahlen und Europawahlen) wahlberechtigt sind, zeichnen hingegen ein anderes Bild. So zeigen Wagner et al. (2012) sowie Kritzinger und Zeglovits (2016), dass sich 16- und 17-Jährige zwar etwas seltener an Wahlen beteiligen, die Qualität ihrer Wahlentscheidungen (ermittelt über die ideologische Nähe zwischen Wähler/innen und gewählter Partei) aber mit jener älterer Wählerinnen und Wähler vergleichbar ist. Zudem weisen Johann und Mayer (2016) darauf hin, dass 16- und 17-jährige Österreicherinnen und Österreicher zwar durchaus Lücken im Kenntnisstand über die politischen Akteure und Positionen der Parteien aufweisen, diese Wissenslücken aber insgesamt nicht so gravierend sind, dass ihnen die Befähigung zur Wahlteilnahme abgesprochen werden kann.

Wir knüpfen an die genannten Studien zu Jungwählerinnen und -wählern an und stellen uns die Frage, inwieweit sich 16- und 17-Jährige von älteren Bürgerinnen und Bürgern in ihrer subjektiv empfundenen Wahlnorm unterscheiden.

Die subjektiv empfundene Wahlnorm ist ein wichtiger Faktor für die Beteiligung an Wahlen (vgl. z.B. Goerres 2010). Aus diesem Grund ist es wünschenswert, dass jüngere Wählerinnen und Wähler diese Norm in ähnlichem Ausmaß wie ältere Wählerinnen und Wähler verinnerlicht haben.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage greifen wir auf Daten der Österreichischen Nationalen Wahlstudie AUTNES zurück. Dies hat einen entscheidenden Vorteil: Da 16- und 17-Jährige in Österreich wahlberechtigt sind, können mögliche Unterschiede in der subjektiv empfundenen Wahlnorm zwischen dieser Altersgruppe und älteren Bevölkerungsgruppen nicht auf das fehlende Wahlrecht der 16- und 17-Jährigen zurückgefügt werden.

Die erste Welle der AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 (Kritzinger et al. 2016a, 2016b) beinhaltet zwei Fragen, welche die subjektiv empfundene Wahlnorm messen. Die Befragten sollten jeweils auf einer fünfstufigen Rating-Skala angeben, in welchem Ausmaß die Aussagen (1) „In der Demokratie ist es die Pflicht jedes Bürgers, sich regelmäßig an Wahlen zu beteiligen“ und (2) „Wenn ich an einer Wahl nicht teilnehme, habe ich ein schlechtes Gewissen“ zutreffen. Die beiden Aussagen decken unterschiedliche Aspekte der subjektiv empfundenen Wahlnorm ab. Die erste Frage nach der Bürgerpflicht bezieht sich auf ein allgemeines Wahlpflichtgefühl. Hier ist es möglich, dass lediglich internalisierte gesellschaftliche Normen wiedergegeben werden. Die zweite Frage zielt auf die eigene emotionale Bewertung einer möglichen Wahlenthaltung. Sie bildet ein individuelles Wahlpflichtgefühl, ein so genanntes „Wahlgewissen“, ab.

Wir betrachten beide Variablen zunächst separat. Zur Untersuchung von möglichen Geschlechterunterschieden werden beide Variablen zu einem Summenindex zusammengefasst.

Abbildung 1: Wahlnorm nach Alter
Dargestellt ist die Verteilung der Items, 1 „trifft gar nicht zu“ bis 5 „trifft voll und ganz zu“.
N=3192 (Item 1) bzw. N=3200 (Item 2). Die gestrichelte Linie kennzeichnet den Mittelwert. Die Daten wurden für die Analyse gewichtet.

Die Verteilungen der Antworten auf die beiden Aussagen sind in Abbildung 1 aufgeschlüsselt nach Altersgruppen dargestellt. Es zeigt sich, dass die Zustimmung zur ersten Aussage (Wählen ist Bürgerpflicht) größer ist als zur zweiten (Schlechtes Gewissen). Die mittlere Zustimmung unterscheidet sich zwischen den beiden Aussagen für alle Altersgruppe jeweils um ca. einen Skalenpunkt. Unabhängig vom Alter weisen die Befragten also ein höheres allgemeines Wahlpflichtgefühl auf.

Was Differenzen zwischen den Altersgruppen betrifft, ist die wahrgenommene Norm, sich an Wahlen zu beteiligen, bei 16- und 17-Jährige unabhängig vom betrachteten Item am schwächsten ausgeprägt. Die Unterschiede zur Altersgruppe ab 21 Jahren sind dabei statistisch hoch signifikant. Zwischen den Gruppen der 16- und 17-Jährigen und der 18- bis 20-Jährigen finden sich hingegen nur geringe, statistisch insignifikante Unterschiede.

In Abbildung 2 ist der Zusammenhang zwischen der Gesamtskala (Summenindex) und dem Alter der Befragten dargestellt, unterteilt nach Frauen und Männern.

LOESS-Kurve nach Geschlecht

Abbildung 2: Wahlnorm nach Alter und Geschlecht
Dargestellt sind LOESS-Kurve sowie das zugehörige 95%-Konfidenzintervall. Verwendet wurde der auf einen Wertebereich von 0 bis 8 rekodierte Summenindex. Die Daten wurden für die Analyse gewichtet.

Um den Effekt von Ausreißern abzuschwächen und das generelle Muster des Zusammenhangs zwischen den Variablen besser herauszustellen, wird eine geglättete LOESS-Kurve präsentiert (Jacoby 2000). Es zeigt sich unabhängig vom Geschlecht der Befragten, dass das subjektiv empfundene Wahlpflichtgefühl mit dem Alter steigt. Ferner ist ersichtlich, dass sich der Unterschied zwischen Männern und Frauen mit steigendem Alter angleicht: Während er bei Jungwählerinnen und -wählern (16 bis 20 Jahre) noch knapp 0,7 bis 0,9 Skalenpunkte beträgt, liegt er in der Altersgruppe ab 21 Jahren nur noch bei 0,1 Skalenpunkten.

Jungwählerinnen und -wähler, und hier insbesondere die 16- bis 17-Jährigen, weisen eine vergleichsweise schwache subjektiv empfundene Wahlnorm auf. Was bedeuten die Befunde nun für die Frage nach der Reife der 16- und 17-Jährigen bzw. die Diskussion über die Wahlaltersenkung? Sie verdeutlichen, dass eine Wahlaltersenkung durch Angebote zur politischen Bildung begleitet werden sollten, die eindeutig vermitteln, warum es für Bürgerinnen und Bürger essentiell ist, sich an Wahlen zu beteiligen. Kann in Zukunft Jungwählerinnen und -wählern das Gefühl, dass Wählen eine Bürgerpflicht ist, besser vermittelt werden, sollte dies positive Effekte auf die Wahlbeteiligung haben.

 

Referenzen

  • Chan, Tak Wing/Matthew Clayton (2006). Should the voting age be lowered to sixteen? Normative and empirical considerations, in: Political Studies, Vol. 54, 533-558.
  • Goerres, Achim (2010). Die soziale Norm der Wahlbeteiligung. Eine international vergleichende Analyse für Europa, in: Politische Vierteljahresschrift, Vol. 51, 275-296.
  • Jacoby, William G. (2000). Loess: a nonparametric, graphical tool for depicting relationships between variables. Electoral Studies, Vol. 19, 577-613.
  • Johann, David/Sabrina Jasmin Mayer (2016). Reif für die Wahl? Stand und Struktur des politischen Wissens in Österreich: Ein Vergleich der 16- und 17-Jährigen mit anderen Altersgruppen. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Kritzinger, Sylvia/Eva Zeglovits (2016). Wählen mit 16 – Chance oder Risiko? In: Jörg Tremmel/Markus Rutsche (Hg.): Politische Beteiligung junger Menschen. Grundlagen – Problemfelder – Fallstudien. Wiesbaden: Springer VS, 185-199.
  • Kritzinger, Sylvia;/Eva Zeglovits/Julian Aichholzer/Christian Glantschnigg/Konstantin Glinitzer/David Johann/Kathrin Thomas/Markus Wagner (2016a). AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 [Version 2.0.0], GESIS Datenarchiv, Köln. ZA5859.
  • Kritzinger, Sylvia;/Eva Zeglovits/Julian Aichholzer/Christian Glantschnigg/Konstantin Glinitzer/David Johann/Kathrin Thomas/Markus Wagner (2016b). AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 – Documentation [Version 2.0.0], Wien: Universität Wien.
  • Wagner, Markus/David Johann/Sylvia Kritzinger (2012). Voting at 16: turnout and the quality of vote choice, in: Electoral Studies, Vol. 31(2), 372-383.
Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gründe für den Mitgliederschwund in der SPD – warum es sinnvoll ist nach dem Aktivitätsgrad ihrer Mitglieder zu unterscheiden

Von Anne-Kathrin Fischer.

Ob der Grad an innerparteilicher Aktivität im Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit eines Parteiaustritts steht, wurde in der Parteienforschung breit debattiert. Die zentrale These ist hierbei, dass mit steigendem Aktivitätsniveau die Austrittsgefahr sinke. Dieser Frage wurde auch in zwei empirischen Studien zur SPD im Unterbezirk Siegen-Wittgenstein unter Leitung von Professor Nicolai Dose (Universität Duisburg-Essen) nachgegangen, bei der sowohl ausgetretene als auch derzeitige Mitglieder befragt wurden.

Wer tritt eher aus?
Die Verteilung von aktiven und passiven Mitgliedern unter den befragten ehemaligen Mitgliedern zeigte, dass die genannte These auf Basis dieser Verteilung nicht gestützt werden konnte. Der Aktivitätsgrad der Ausgetretenen lag demnach wider Erwarten höher. Möglicherweise kann dieses der bislang verbreiteten Auffassung widersprechende Ergebnis mit der vermutlich höheren Antwortbereitschaft von Befragten mit stärkerer innerparteilicher Aktivität in Zusammenhang stehen. Ehemaligen Mitgliedern, die sich aktiv eingebracht haben, ist ein größeres Interesse an der Teilnahme der Studie zu unterstellen als passiven Ex-Mitgliedern, da bei ersteren die Identifikation mit der SPD und die Auskunftsbedürftigkeit höher einzustufen sind. Auch die multivariate Analyse der Befragung aktueller Mitglieder in Hinblick auf ihre Austrittsgefahr (konkret in Bezug auf die Frage, ob sie im Laufe ihrer Mitgliedschaft bereits über einen Parteiaustritt nachgedacht haben) konnte keine zuverlässige Aussage zur Wirkung von aktiver Mitarbeit in der Partei formulieren. Es lässt sich also nicht zweifelsfrei belegen, dass gut in die Partei integrierte Mitglieder seltener austreten.

Erst Rückzug dann Austritt?
Dennoch führte die vergleichende Analyse von aktiven und passiven (ehemaligen) Parteimitgliedern zu einigen interessanten Ergebnissen:
Obwohl keine definitive Aussage darüber gemacht werden konnte, ob passive Mitglieder eher die Partei verlassen, lässt sich festhalten, dass passive Mitglieder durchaus eher über einen Austritt nachdenken, wenn sie anderweitig politisch aktiv sind. Auch konnte gezeigt werden, dass der Aktivitätsgrad der Mitglieder ein wichtiger Indikator für die Zufriedenheit mit der eigenen Partei sein kann. Nimmt man den Aktivitätsgrad in den Jahren unmittelbar vor dem Austritt aus der Partei in den Blick, wird eine Tendenz zur Rücknahme des innerparteilichen Engagements im Vorfeld des Parteiaustrittes erkennbar. Für diesen Zeitraum stuften sich schließlich noch 40 Prozent der Befragten als „überwiegend aktiv“ ein, wohingegen 57 Prozent sich für die gesamte Mitgliedschaftsdauer als überwiegend aktiv bezeichnen würden. Die Rücknahme der innerparteilichen Aktivität kann hierbei als erster Schritt im Umgang mit der Unzufriedenheit gewertet werden, mit dem die Kosten der Mitgliedschaft (wie bspw. das Arbeitsleid) vermindert werden. Insofern ist bei einem Parteimitglied, das sein aktives Engagement aufgibt, davon auszugehen, dass es Kosten und Nutzen der aktiven Mitgliedschaft in einem Missverhältnis sieht. Gleichzeitig bestehen in diesem Fall offenbar noch in ausreichendem Umfang Anreize, die Parteimitgliedschaft als passives bzw. passiveres Mitglied fortzuführen. Die Rücknahme von innerparteilichen Engagement kann damit als ein Indikator verstanden werden, der auf ein unausgewogenes Verhältnis der Kosten-Nutzen-Relation einer aktiven Parteimitgliedschaft hinweist. Letztendlich traten die Befragten der ersten Studie trotz verminderter Kosten für die Mitgliedschaft aus der SPD aus. Dieser Umstand deutet darauf hin, dass die Anreize zum Verbleib in der SPD selbst die vergleichsweise geringen Kosten einer passiven Mitgliedschaft nicht aufwiegen konnten und somit der Nutzen nicht mehr gewährleistet wurde.

Gründe für den Parteiaustritt
Interessant sind hierbei auch die Gründe für den Parteiaustritt bei aktiven und passiven Mitgliedern im Vergleich. Für passive Mitglieder spielen hauptsächlich politische Entscheidungen auf Bundesebene sowie das Erscheinungsbild der SPD insgesamt eine Rolle. Können sie sich auf Dauer nicht mehr mit der Bundespolitik und auch den Spitzenpolitikern identifizieren, kehren sie ihrer Partei den Rücken. Treten hingegen aktive Mitglieder aus, üben diese schärfere Kritik an den Verhältnissen auf regionaler Ebene als dies passive Mitglieder tun. Auch führen sie insgesamt eine größere Zahl von (durchaus vielfältigen) Austrittsgründen an. Dies kann als Beleg für die These interpretiert werden, dass aktive Mitglieder erst bei größerer Unzufriedenheit austreten als passive Mitglieder.

 

Die Ergebnisse im Einzelnen finden Sie hier:

Dose, Nicolai/Fischer, Anne-Kathrin/Golla, Nathalie, 2016: Die Partei im regionalen Fokus: Mitgliederschwund, Alterungsprozesse und Mitgliederpartizipation bei der SPD – Ergebnisse zweier empirischer Studien. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden. ISBN: 078-3-8487-3131-2. DOI: 10.5771/9783845274942

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Auch die Grünen? Eine Analyse des sozialen Hintergrunds der gewählten Mitglieder der NRW-Räte für B’90/Grüne, SPD und CDU

von Achim Goerres

Dieser Beitrag erscheint auf Einladung in der nächsten Ausgabe von “Forum Kommunalpolitik”, einem Magazin für grüne KommunalpolitkerInnen. Die erste Publikation aus der beschrieben Studie ist online frei verfügbar: Goerres, Achim, Hamidou, Hayfat, Baudisch, Alexander, Schmelzer, Maximilian, Tegeler, Shari and Rabuza, Florian: Die soziale, wirtschaftliche und politische Herkunft lokaler politischer Eliten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2015: Ergebnisse einer telefonischen Befragung von Mitgliedern aus zehn Gemeinde- und Stadträten (April 22, 2016). Verfügbar über das Social Science Research Network unter http://ssrn.com/abstract=2768691

 

Das Faszinierende an NRW- Kommunalpolitik ist die Nähe zwischen den politischen Problemen, den gewählten Mitgliedern der Räte und den Bürger*innen. Probleme sind greifbar und direkt für den Alltag von Vielen relevant. In solch einem Kontext kann es wünschenswert sein, dass die politischen Interessen der Bevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt vertreten sind. Eine Möglichkeit, diese Repräsentation politischer Interessen herzustellen, ist die deskriptive Repräsentation:

politisch relevante Individualmerkmale der Repräsentierten spiegeln sich in den Merkmalen der Repräsentanten wider. Die persönlichen Merkmale, die tatsächlich die politischen Interessen der Bevölkerung bestimmen, werden über Wahlen in den Eigenschaften der Ratsmitglieder abgebildet.

Schnell kommt man aus solch einer Sichtweise bei den Eigenschaften „formelle Bildung“ und „Einkommen“ an. Niemand, der sich mit Politik in Deutschland auskennt, würde bestreiten, dass die sozialen Erfahrungen, die mit diesen Eigenschaften verbunden sind, eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, die politischen Erwartungen zu beeinflussen. Man könnte die Liste erweitern, beispielsweise um Gender und Herkunft, was wir hier außer Acht lassen.

Wie sieht es dann mit der deskriptiven Repräsentation in NRW auf lokaler Ebene aus? Antwort gibt eine neue Studie, die ich zusammen mit meinen Mitarbeiter*innen und Studierenden an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt habe: Das politische Leben auf kommunaler Ebene in NRW im Jahr 2015. Diese Eliten-Studie („Elite“ wird wissenschaftlich neutral verwendet) beruht auf einer telefonischen Umfrage unter gewählten Mitgliedern der Gemeinde- und Stadträte aus NRW und ist für unser Bundesland einzigartig.

Dabei wurden in einem ersten Schritt zehn Räte ausgewählt, die alle denkbaren Kombinationen aus Bevölkerungsgröße und Steuerressourcen abdecken. Bei den zehn Kommunen handelt es sich um Vettweiß, Erndtebrück, Langerwehe, Burbach im Siegerland, Windeck, Verl, Leichlingen (Rhld.), Monheim am Rhein, Herne und Düsseldorf.

Innerhalb der zehn Gemeinden wurden alle 403 Mitglieder der Räte mehrmalig kontaktiert und um ein Interview gebeten. Dem voraus ging eine ausführliche Information der Bürgermeister, Fraktionen und Gruppen. Vollständig durchgeführt haben das Interview 165 Ratsmitglieder, also 41 %. Diese Datenbasis ist für solch eine Zielgruppe sehr hochwertig und repräsentativ für die Mitglieder aller NRW-Räte.

 Grüne Befragte

Unter den Befragten befinden sich 16 Mitglieder der Bündnis 90/Grünen-Ratslisten aus 36 angefragten Mitgliedern. Damit sind die Daten für die Ratsmitglieder dieser Partei aller NRW-Räte ebenfalls – statistisch gesprochen – repräsentativ. Doch ist diese Teilgruppe für diese Parteiliste recht klein, weswegen man bei der Interpretation eine recht große Unsicherheit der Schätzung berücksichtigen muss. Im Folgenden werde ich jeweils die Ergebnisse für alle Mitglieder sowie gegliedert nach CDU, SPD und Bündnis‘90/Grüne berichten.

Die Ergebnisse zeigen insgesamt ganz klar, dass die kommunalen politischen Eliten in NRW noch nicht einmal annähernd in den Merkmalen Schulabschluss und persönlichem Einkommen deskriptiv-repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung sind.

 

Sozial und ökonomisch sind die gewählten Vertreter*innen ein verzerrtes Abbild der Bevölkerung zugunsten höherer Gesellschaftsschichten.

 

Dabei zeigen die Befunde für die drei Parteien einige Unterschiede, die man aufgrund der statistischen Unsicherheit nicht überbewerten sollte. Die Ergebnisse sind im Detail in der Tabelle dargestellt.

 

Bildung

Für die erwachsene NRW-Bevölkerung mit deutschem Pass als Vergleichsgruppe kann man entnehmen, dass 34 % einen Volks- oder Hauptschulabschluss haben, 26 % einen Realschulabschluss, 10 % über ein Fachabitur und 29 % über Abitur verfügen (1 % anderer Abschluss z.B. ausländischer).

Für alle kommunalen politischen Eliten gilt, dass 8 % einen Volks- oder Hauptschulabschluss haben, 18 % einen Realschulabschluss, 19 % ein Fachabitur und 53 % das Abitur (2 % anderer Abschluss). Wir sehen also ganz deutlich, dass mehr als die Hälfte der gewählten Politiker*innen auf lokaler Ebene über den höchsten Schulabschluss verfügen, eine Quote knapp doppelt so hoch wie für die allgemeine Bevölkerung.

 Für Bündnis‘90/Grüne ist die Verzerrung zugunsten der höchsten Schulabschlüsse noch einmal deutlicher als für die kommunalen politischen Eliten allgemein. 69 % der B‘90/Grüne-Ratsmitglieder haben das Abitur, 25 % ein Fachabitur. Gewählte Ratsmitglieder mit niedrigeren Abschlüssen kommen in der Stichprobe überhaupt nicht vor und sind damit in der Gruppe aller Grünen sehr selten vertreten. Für die beiden anderen Parteien CDU und SPD gilt ebenfalls, dass etwa zwei Drittel Fachabitur oder höher haben. Die Ratsmitglieder von B‘90/Grünen sind in Bezug auf den Schulabschluss nicht nur nicht repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung, sie sind als Gruppe fast völlig bildungshomogen in dem Sinne, dass ihre Gruppenmitglieder nur hohe Schulabschlüsse besitzt.

 

Einkommen

Beim persönlichen Nettoeinkommen, also dem monatlichen Einkommen nach Steuern und Transfers sind für die NRW-Bevölkerung folgende Informationen bekannt, die dem bundesweiten Bild ähnlich sind: 48 % verdienen monatlich bis zu 1.300 €, 78 % bis zu 2.000 €, 94 % verdienen persönlich bis zu 3.500 €.

Für die kommunalen politischen Eliten insgesamt zeigt sich, dass Einkommensstärkere deutlich häufiger vertreten sind, als es aufgrund der Verteilung in der Bevölkerung bei einer völlig gleichen Repräsentation wäre. Nur 18 % der Mitglieder der Räte verdienen bis zu 1.300 €, 30 % verdienen bis zu 2.000 € und 75 % bis zu 3.500 €. 25 % verdienen mehr als 3.500 € netto, verglichen mit nur 4 % und NRW und 10 % für ganz Deutschland.

Für die drei Parteien zeigt sich, dass die Einkommensverzerrung für B‘90/Grüne am schwächsten ist. Hier finden sich beispielsweise in der höchsten Einkommensgruppe nur 13 % im Vergleich zu 29 % und 30 % bei jeweils CDU und SPD. Die stärkste Einkommensuntergruppe der B’90/Grüne-Mitglieder ist in der Gruppe zwischen 2.000 und 2.900 € mit 38 %. Aber selbst für diese Partei ist die Einkommensgruppe bis zu 1.300 € mit 25 % nur halb so groß wie in der Bevölkerung. Darunter fällt allerdings auch ein relativ großer Teil von Personen, die sich noch in der Ausbildung befinden also die Spitze ihres Einkommens noch vor sich haben.

 In Summe zeigt sich also, dass die kommunalen gewählten PolitikerInnen der B‘90/Grüne insgesamt ebenfalls eine sozial und ökonomisch hochverzerrte Gruppe im Vergleich zur Bevölkerung darstellen. Im Bereich der Schulabschlüsse ist die Verzerrung so stark, dass untere Schulabschlüsse gar nicht mehr vorkommen.

Nun sind diese Befunde über die kommunalen Abgeordneten in ganz NRW nicht überraschend. Seit Erscheinen der Studie berichten mir Experten der Kommunalpolitik aus Verwaltung, Politik und Journalismus ähnliche Erfahrungen aus ihrem Umfeld. Aber es ist ein Unterschied, ob in einer objektiven wissenschaftlichen Studie solche Befunde nachgewiesen werden oder ob man diese nur aus der eigenen anekdotischen Erfahrung kennt.

Wenn man eine rein meritokratische Perspektive auf  Fähigkeiten und Politik hat, sind diese Befunde interessant, aber irrelevant. Ehrenamtliche Politik ist hier Organisation, Kommunikation und Hartnäckigkeit, Fähigkeiten, die Menschen aufgrund einer Reihe von Faktoren in unterschiedlicher Ausprägung haben.

Aus Sichtweise der deskriptiven Repräsentation sind die Befunde katastrophal. Aus dieser Sicht sollten alle politischen Parteien einen sozialen und ökonomischen Querschnitt der Bevölkerung in den Reihen ihrer Aktiven haben. Nur damit können sie die großen Probleme vor Ort erfassen und bearbeiten.

Um dies zu erreichen, muss der Zugang zu Partei und kommunalen Wahllisten so niedrigschwellig wie möglich sein. Das bedeutet auch, dass man unbewusste Formen der Bevorzugung von bestimmten Personen wahrnimmt. Wir alle neigen dazu, uns mit ähnlichen Menschen im sozialen Umfeld zu umgeben. Diese Tendenz darf nicht im politischen Umfeld unbewusst angewandt werden, sonst rekrutieren die jetzigen politischen Eliten weiter Leute wie sie selbst in die relevanten Positionen von morgen.

 

Tabelle über Verteilung von Schulabschluss und persönlichem Nettoeinkommen in der Bevölkerung und den kommunalen politischen Eliten

Allgemeine NRW-Bevölkerung

Kommunale politische Eliten

Bündnis90/ Die Grünen

CDU

SPD

Schulabschluss

 

Volks- / Hauptschulabschluss

34%

8%

-

17%

4%

Realschulabschluss

26%

18%

-

17%

30%

Fachhochschulreife

10%

19%

25%

15%

20%

Abitur

29%

53%

69%

50%

46%

Sonstiger Schulabschluss

1%

2%

6%

2%

-

Einkommen

 

Bis 1300€

48%

18%

25%

13%

7%

1300€ – 2000€

30%

12%

13%

10%

16%

2000€ – 2900€

12%

28%

38%

32%

27%

2900€ – 3500€

6%

18%

13%

16%

20%

Über 3500€

4%

25%

13%

29%

30%

Quellen: eigene Schätzungen aus dem Allbus 2014 und der beschriebenen Studie.

 

Veröffentlicht unter Politik in der Region | Verschlagwortet mit , , , , , | 3 Kommentare

CorrelAid. e.V. – Datenanalyse für den guten Zweck

Von Hayfat Hamidou

In ihrem Blogbeitrag gibt Hayfat Hamidou Einblicke in die Arbeit und Motivation von CorrelAid. e. V. – einem Netzwerk junger DatenanalystInnen und DatenenthusiastInnen mit dem Ziel des Wissensaustauschs und der Untertsützung gemeinnütziger Organisationen durch die geschaffene Expertise.

 

 “Numbers have an important story to tell. They rely on you to give them a voice.” – Stephen Few

In einer Zeit, in der Daten immer mehr an Bedeutung gewinnen, einem an jeder Ecke begegnen und mit wachsender Geschwindigkeit generiert bzw. gesammelt werden, ist es von besonderer Bedeutung dieses Potenzial nicht ungenutzt zu lassen. Denn richtig betrachtet und genutzt, stecken in den Zusammenhängen und Mustern der Daten regelrechte Geschichten, die von ungeheurem Nutzen sein können. Große Unternehmen wie Google, Amazon oder Netflix machen es vor und verdienen sich damit goldene Nasen. Da stellt sich zurecht die Frage, weshalb diese Daten nicht auch für etwas Gutes, wie einem gemeinnützigen Zweck nutzbar sein sollten.

 “You can have data without information, but you cannot have information without data“ (Daniel Keys Moran)

CorrelAid e.V. entspringt genau dieser Frage. Bei CorrelAid handelt es sich um ein von Studierenden gegründetes Netzwerk  junger DatenanalystInnen und DatenenthusiastInnen, die es sich zum Ziel gemacht haben, Non-Profit Organisationen bei der Erhebung oder der Auswertung ihrer Daten zu unterstützen. Gemeinnützige Organisationen haben häufig viele Daten, von denen sie unter Umständen zwar wissen, jedoch nicht die nötige Expertise oder hinreichende Kapazitäten haben, um sie auszuwerten.

Viele Studierende besuchen im Rahmen ihres Studiums Statistik- und Methoden-Veranstaltungen und kommen dabei bereits mit ersten Datenanalysemethoden in Berührung. Diese Veranstaltungen können leider nicht unbegrenzt praktische Anwendungen bieten, sodass sie – trotz ihrer großen praktischen Relevanz – bei manchen einen theoretischen, um nicht zu sagen trockenen Eindruck hinterlassen. Bei CorrelAid haben Studierende die Gelegenheit ihre erlernten Skills in echten Projekten anzuwenden. Durch die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen bei ihrer Arbeit, sei es bei der Konzeption eines Fragebogens, der deskriptiven Analyse einer Mitgliederstruktur oder der Evaluation eines Projekts, können sie so selber etwas Gutes leisten.

“I keep saying that the sexy job in the next 10 years will be statisticians, and I’m not kidding” – Hal Varian, Google

Unser Netzwerk von knapp 300 DatenanalystInnen und -interessierte ist das Herzstück von CorrelAid. Darüber schreiben wir spannende Projekte aus, die für gemeinnützige Organisationen durchgeführt werden. Außerdem organisieren wir Workshops für unsere Mitglieder, in denen sie ihr Datenanalysewissen erweitern und sich mit Gleichgesinnten austauschen können. So fand etwa vom 10. – 12. Juni unter anderem am Campus Duisburg der Universität Duisburg-Essen und mit freundlicher Unterstützung des Lehrstuhls für empirische Politikwissenschaft ein CorrelAid Meet-Up statt. Dabei hatten junge Datenenthusiast*innen und solche, die es gerne werden möchten die Gelegenheit sich persönlich kennen zu lernen und in Workshops sowohl eine Einführung in die Statistik-Software R als auch die direkte Anwendung dieser Software anhand von Datenvisualisierungen zu erlernen. Parallel dazu fand ein Hackathon statt, in dem die kommunale Verschuldung in NRW analysiert wurde. Von GesellschaftswissenschaftlerInnen über MathematikerInnen, ProgrammiererInnen und GestalterInnen, ob noch studierend, promovierend, lernend oder bereits berufstätig, war – unabhängig vom Kenntnisstand – alles dabei und geeint im Interesse und der Freude an der Arbeit mit Daten.

Kurzum lässt sich sagen, dass CorrelAid auf drei Säulen aufbaut: Wir beraten Organisationen mit sozialem Auftrag mit Hilfe von Datenanalyse. Wir vernetzen junge und engagierte Datenanalyst*innen und solche, die es gerne werden möchten und bieten ihnen eine Plattform, ihre Kenntnisse anzuwenden und zu erweitern. Zudem verbreiten wir den Wert und Nutzen von Daten und Datenanalyse im deutschsprachigen Raum und leisten so einen Beitrag zum gesellschaftlichen Kenntnisstand von Daten und Datenanalyse.

Wenn dieser Beitrag Dein Interesse geweckt hat, dann folge uns doch auf Facebook (facebook.com/WeAreCorrelAid) bei Twitter (@CorrelAid) oder abonniere unseren Newsletter (http://correlaid.org/mitmachen/) und bleib so über interessante Projekte und Workshops auf dem Laufenden. Wir freuen uns auf Dich!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Echte Gefühle: vom Fußball- zum Wahlergebnis

Von Florian Rabuza

Die öffentliche Bedeutung von Fußball in Deutschland ist enorm. Kein Sport hat auch nur annähernd so viele Anhänger. In einem neuen Forschungsbeitragkönnen Robin Arens, Achim Goerres und ich zeigen, dass die Fußballbundesliga tatsächlich elektorale Konsequenzen zeitigt: Bei der Bundestagswahl 2013 ist das Ergebnis der damaligen Regierungsparteien auf Wahlkreisebene besser als im Jahre 2009, wenn die Bundesligaverein, der im Wahlkreis beheimatet ist, am Wahlwochenende gewinnt. Dieses Ergebnis reiht sich ein in die Forschung zum Zusammenhang von nichtpolitischen Ereignissen und daraus resultierenden Emotionen ein, die Wahlverhalten beeinflussen. Das Forschungspapier erhalten Sie hier: goo.gl/hDvXUH

Die gesellschaftliche Bedeutung von Fußball in Deutschland ist enorm. Schon der Blick auf ein paar Zahlen macht dies überdeutlich: die 18 Bundesliga-Clubs verzeichneten am Ende des Jahres 2015 zusammen etwas mehr als 900.000 Mitglieder (Statista 2015) und für den Deutschen Fußball Bund weist die Statistik knapp 6,9 Millionen Mitglieder aus (DSSV 2016). In der Spielzeit 2014/2015 haben ungefähr 13,3 Millionen Fans die Spiele live im Stadion verfolgt (Statista 2016) und auch bei den Konsumausgaben im Sportbereich rangiert der Fußball in Deutschland in herausgehobener Stellung. So geben alleine zwanzig Prozent der mindestens sechzehnjährigen Deutschen, die sich für Sport interessieren, Geld für Fußball aus. Zum Vergleich: Handball als zweitbeliebteste Sportart erreicht gerade mal einen Anteil von 4,5 Prozent in dieser Zielgruppe. Die Deutschen sind fußballverrückt, eine Tatsache, die sich über alle soziale Schichten hinweg manifestiert. Wenn Fußball für uns also so wichtig ist, wäre es also nicht auch denkbar, dass Fußball sich auch politisch z.B. auf den Ausgang von Wahlen niederschlägt, indem er das Verhalten von Wählerinnen und Wählern beeinflusst? Kurze Antwort: Ja! Doch der Reihe nach.

Politikwissenschaftler in den Vereinigten Staaten haben bereits die Bedeutsamkeit nichtpolitischer Ereignisse für Wahlen nachgewiesen. Dinge, die mit Politik unmittelbar rein gar nichts zu tun haben bzw. kaum durch die Politik beeinflussbar sind, wirken sich trotzdem auf politisches Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern aus. Wie funktioniert das? Wählerinnen und Wähler scheinen positive oder negative Emotionen, die z.B. durch Haiattacken, Dürreperioden oder Grippeepidemien ausgelöst sind, durch einen komplexen mentalen Prozess den politischen Amtsinhabern zuzuschreiben. Die Konsequenzen sind Belohnung oder Abstrafung an der Wahlurne. Achen und Bartels (2004) bezeichnen dieses Verhalten als blind retrospection, da Kandidaten oder Parteien für Dinge belohnt oder bestraft werden, die sie nicht beeinflussen können und die zudem mit Politik primär nichts zu tun haben. Blind retrospection ist damit ein Beispiel für irrationales Wählerverhalten, da die Entscheidungsgrundlage der Wählerinnen und Wähler nicht sinnvoll mit politischen Amtsträgern in Beziehung gesetzt werden können. Die zentrale Größe, die Ereignis und Verhalten verbindet, ist die Emotion. Jüngste Studien beschäftigen sich deshalb konsequenterweise auch mit den Auswirkungen von Sportereignissen, insbesondere American Football für Wählerverhalten (Fowler and Montagnes 2015; Healy and Malhotra 2010; Healy et al. 2010). Hier sind Zusammenhänge empirisch feststellbar: Je positiver das Ergebnis ausfällt, desto besser ist das Wahlergebnis des Amtsinhabers.

Wenn man sich nun die eingangs erwähnten Stellenwert von Fußball in Deutschland vergegenwärtigt, so liegt es nahe, dass das Potential vorhanden sein sollte, dass Fußballergebnisse Wahlen beeinflussen können. Bundesligafußball erfüllt alle Voraussetzungen, unter denen blind retrospection elektoral wirksam werden kann. Zum einen ruft Fußball bei sehr vielen Menschen in Deutschland teils starke Emotionen hervor, da er für viele Menschen eine große Rolle im persönlichen Leben spielt. Zum anderen finden die Spiele der Fußballbundesliga in hinreichender zeitlicher Nähe zum Wahltag von Bundestagswahlen statt, so dass die Emotionen noch frisch und damit wirksam sein können. Empirisch getestet hat diese Vermutung aber noch niemand. Bis jetzt.

Robin Arens, Achim Goerres und ich haben untersucht, inwiefern Fußballergebnisse der 1. Herren-Bundesliga einen Effekt auf das Wahlergebnis auf Wahlkreisebene bei der Bundestagswahl 2013 hatten. Uns interessierte im Sinne der blind retrospection-Theorie, die ja davon ausgeht, dass die Amtsinhaber bestraft werden vor allem das Zweitstimmenergebnis der damaligen Regierungsparteien CDU/CSU und FDP. Daneben haben wir uns aber auch Effekte auf die Höhe des Wahlergebnisses innerhalb der Wahlkreise angesehen. Methodisch wurde dabei folgendermaßen vorgegangen. Für alle Wahlkreise, die einen Bundesligisten beheimaten und solche, die an einen Bundesligawahlkreis angrenzen, wurde statistisch getestet, ob sich das Wahlergebnis für die Regierungsparteien im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 verbessert, wenn die Mannschaft gewonnen hat und vice versa. Da sich Wahlkreise, in denen gewonnen wurde nicht systematisch in den politisch relevanten Strukturmerkmalen von solchen unterscheiden, in denen verloren wurde, können wir hier von einem sog. natürlichen Experiment ausgehen. Das erlaubt uns einen genuin kausalen Effekt des Fußballresultats auf das Wahlergebnis zu schätzen.

Die Ergebnisse unserer Regressionsanalysen sprechen tatsächlich für einen Fußballeffekt bei Wahlen. Wir finden einen kausalen Effekt von Fußballresultaten auf das Wahlergebnis. Zum einen steigt die Höhe der Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2009 um ca. 0,17 Prozentpunkte an, wenn der Wahlkreisverein gewonnen hat. Zum anderen und in Einklang mit der Theorie der blind retrospection erhöht sich der Zweitstimmenanteil der CDU/CSU im Vergleich zu 2009, um durchschnittlich 0,35 Prozentpunkte. Für die FDP finden wir allerdings keine konsistenten Zusammenhänge zwischen Wahlergebnis und Fußballresultat auf Ebene der Wahlkreise. Die Effekte sind insgesamt wie zu erwarten war zwar nicht übermäßig stark, allerdings sind sie statistisch signifikant und es ist unseres Erachtens schon bemerkenswert, dass sich bei Kontrolle um relevante Drittvariablen überhaupt ein genuiner Fußballeffekt nachweisen lässt. Tore entscheiden damit also keine Bundestagswahlen aber es gibt empirische Evidenz für die Wirksamkeit nichtpolitischer Ereignisse auf Wahlverhalten auch in Deutschland.

 

Verwendete Literatur

Achen, Christopher H, and Larry M Bartels. 2004. “Blind retrospection: Electoral responses to drought, flu, and shark attacks.”

Fowler, Anthony, and B Pablo Montagnes. 2015. “College football, elections, and false-positive results in observational research.” Proceedings of the National Academy of Sciences 112 (45):13800-4.

Healy, Andrew J, Neil Malhotra, and Cecilia Hyunjung Mo. 2010. “Irrelevant events affect voters’ evaluations of government performance.” Proceedings of the National Academy of Sciences 107 (29):12804-9.

Healy, Andrew, and Neil Malhotra. 2010. “Random events, economic losses, and retrospective voting: Implications for democratic competence.” Quarterly Journal of Political Science 5 (2):193-208.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Politik der Wehrpflicht in Europa im 21. Jahrhundert: Eine qualitativ vergleichende Analyse

Von Isabel Badia

Die Anforderungen an staatliche Armeen und damit auch die Politik der Wehrpflicht sind in den letzten Jahrzehnten im deutlichen Wandel – doch welche Faktoren führten dazu, dass die Wehrpflicht in einigen Ländern de facto abgeschafft wurde, in anderen jedoch nicht?

In ihrem Blogbeitrag identifiziert Isabel Badia mittels qualitativ vergleichender Analyse (QCA), welche Faktoren zur Beibehaltung oder Abschaffung der Wehrpflicht in europäischen Staaten führten.

Der Beitrag basiert auf der BA-Arbeit der Autorin, die am Lehrstuhl für Empirische Politikwissenschaft durch Achim Goerres und Florian Rabuza betreut worden ist.

 

Die europäische Sicherheitspolitik wurde in den vergangenen Jahrzehnten bedingt durch die Überwindung des Ost-West-Gegensatzes und die gesellschaftlichen Umbrüchen von 1989/90 großen Um- und Neugestaltungen unterzogen, die sich deutlich in den Wehr- und Rekrutierungsstrukturen der Streitkräfte widerspiegeln. Einhergehend mit dem Wandel, der heute auftretenden asymmetrischen Konfliktformen und dem hybriden Bedrohungsspektrum, werden neue Sicherheitskonzepte erforderlich. Im Zuge dessen hat sich der Anspruch an die Streitkräfte weg von einer Massenarmee hin zu hoch professionellen und flexiblen Soldaten mit verändertem Aufgabenspektrum geändert.

Die beschriebenen Tendenzen lassen sich anhand der Beibehaltung oder Aussetzung der Wehrpflicht illustrieren: Derzeit beruft sich nur noch jedes siebte NATO-Mitglied (Estland, Griechenland, Norwegen, Türkei) und sechs von 28 EU-Mitgliedern (Dänemark, Estland, Finnland, Griechenland, Österreich, Zypern) auf eine gesetzliche oder verfassungsrechtliche Grundlage, um seine Staatsbürger zum Wehrdienst einzuziehen. Diese Faktenlage verdeutlicht, dass die Wehrpflicht für die Armeen der Zukunft ein Auslaufmodell im europäischen Raum darstellt.

Im Mittelpunkt meiner Analyse steht daher die Frage: Welche Faktoren bewirken, dass einige Länder ihre Wehrpflicht aussetzen oder abschaffen und weshalb behalten einige wenige Länder die Wehrpflicht bei?

Zur Beantwortung wird eine qualitativ vergleichende Analyse (QCA) durchgeführt. Die QCA ist eine Methode zur Analyse von Kausalverhältnissen bei einer geringen natürlichen Fallanzahl. Hierbei wird angenommen, dass insbesondere die wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnisse der erklärenden Variablen untereinander maßgeblich auf das Outcome (Beibehaltung oder Aussetzung der Wehrpflicht) einwirken. Besonders an der QCA ist, dass anstelle einer Ausschließung von Drittvariablen eine kontrollierte Einbeziehung dieser Variablen vorgenommen wird. In die Analyse wird somit zunächst eine vergleichsweise hohe Anzahl von potentiell erklärenden Variablen einbezogen, wobei deren Kombinationen und Korrelationen untereinander im Zentrum der Untersuchung stehen und erst im Verlauf dieser, durch logische Verfahren, Vereinfachungen des Erklärungsterms vorgenommen werden. Im Rahmen dessen werden die Variablen dahingehend untersucht, ob sie notwendige oder hinreichende Bedingungen für eines der beiden Outcomes darstellen. Anschließend werden die ermittelten Bedingungen auf ihre Konsistenz und Abdeckung überprüft. Zur Realisierung der Analyse wird das Computerprogramm Tosmana verwandt.

In die Analyse werden die Staaten einbezogen, die sich geographisch auf dem europäischen Kontinent befinden. Hierbei finden alle Länder mit mehr als 100.000 Einwohnern Berücksichtigung, was vor dem Hintergrund der theoretischen Annahme erfolgt, dass lediglich Staaten, die in der Lage sind sich selbst zu verteidigen, für die Untersuchung von Relevanz sind. Zudem musste der Kosovo aufgrund zu vieler fehlender Daten ausgeschlossen werden. Die Betrachtung der verbleibenden 41 europäischen Staaten liegt in der über 200 Jahre andauernden Geschichte der Wehrpflicht in diesen Staaten, wie auch dem gemeinsamen Kultur- und Wertekreis, vergleichbaren geostrategischen Bedrohungsszenarien und den Dynamiken der Sicherheitsbündnisse von NATO und EU begründet.

Bei der Untersuchung der Fragestellung können aus der bestehenden Fachliteratur und theoretischen Überlegungen (siehe u.A. Haltiner, Werkner) zehn Variablen aus vier Argumentationsebenen abgeleitet werden. Die Ebenen lassen sich wie folgt definieren: geostrategisch, ökonomisch, politisch und gesellschaftlich.

Die von der Analysetechnik geforderte Dichotomie der Daten ist bei fünf der zehn Variablen, welche nominal skaliert sind, per se beziehungsweise nach geringer Umformungen gegeben, weshalb für die anderen fünf metrisch skalierten Variablen ein Lagemaß, welches den Cutoffpoint definiert, zur Operationalisierung benötigt wird. Aus den ausgewählten Ländern, den definierten Variablen und deren Dichotomisierung ergibt sich dann folgende Wahrheitstafel (Abbildung 1).

 

Abbildung 1: Wahrheitstafel generiert durch Tosmana

Tosmana Wahrheitstabelle WehrpflichtQuelle: Eigene Darstellung

 

Die Untersuchung für das Outcome Aussetzung oder Abschaffung der Wehrpflicht zeigt, dass es zwei notwendige Bedingungen gibt. Zum einen die Abwesenheit einer Dienstpflicht und zum anderen das Vorhandensein einer Demokratie. Die Demokratievariable konnte allerdings nach der Konsistenzüberprüfung aufgrund von Trivialität vernachlässigt werden. Neben den notwendigen Bedingungen existieren zwei Erklärungspfade, die zu dem ersten betrachteten Outcome führen. Als hinreichend werden einerseits die Verknüpfung von der Beteiligung an Auslandseinsätzen der NATO und/ oder EU und die Abwesenheit einer Dienstpflicht und andererseits die Verknüpfung der Abwesenheit einer Dienstpflicht mit einem kleinen bis mittleren Anteil der arbeitenden Bevölkerung, der im militärischen Dienst arbeitet, identifiziert. Für das komplementäre Outcome Beibehaltung der Wehrpflicht lässt sich feststellen, dass es keine einzelne notwendige Bedingung, jedoch zwei einzelne hinreichende Bedingungen, nämlich das Vorhandensein sowohl einer Dienstpflicht als auch das Fehlen einer Demokratie, gibt. Neben diesen hinreichenden Bedingungen existiert eine weitere hinreichende Variablenverknüpfung, die zu diesem Outcome führt. Keine Beteiligung an Auslandseinsätzen und ein großer Anteil der arbeitenden Bevölkerung, der im militärischen Dienst tätig ist, bedingen gemeinsam das Vorhandensein einer Wehrpflicht.

In der Analyse zeigt sich, dass sowohl Variablen aus der geostrategischen Argumentationsebene als auch eine Variable aus der gesellschaftlichen Argumentationsebene relevant für die Fragestellung, ob ein Land seine Wehrpflicht aussetzt oder beibehält, sind. Auffällig ist darüber hinaus, dass insbesondere die gesellschaftliche Variable Dienstpflicht, bis auf den Fall Zypern, immer den gleichen Wert wie das Outcome aufweist. Dies deutet eine herausgehobene Stellung dieser Variable an, gleichwohl gesagt werden muss, dass mit Tosmana keine Einflussstärken, sondern lediglich das Vorhandensein von Einflüssen bestimmt werden kann. Dadurch, dass die Dienstpflicht eine alleinig hinreichende Bedingung für die Beibehaltung der Wehrpflicht darstellt, kann geschlussfolgert werden, dass die Dienstgerechtigkeit, die mit einer Dienstpflicht einhergeht für die Gesellschaft eines Landes mitentscheidend für die Akzeptanz der Wehrpflicht ist. Bedingt durch die umfangreichen gesellschaftlichen und karitativen Dienstleistungen, die in einer Gesellschaft mit Dienstpflicht durch Staatsbürger geleistet werden und somit einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der staatlichen Dienstleistungen erbringen, bestätigt sich ein positiver Einflussfaktor der Dienstpflicht auf die Beibehaltung der Wehrpflicht.

Die zusammengefassten Ergebnisse lassen sich dahingehend interpretieren, dass die Beteiligung eines Landes an Auslandseinsätzen der NATO und/ oder der EU als Indikator für eine Aussetzung der Wehrpflicht herangezogen werden kann. Gleichzeitig besagt diese Variable, dass die Beteiligung an Auslandseinsätzen, jeweils zwar in Verbindung mit einer anderen Variablen, im Gegensatz zur reinen Mitgliedschaft in einem oder beiden Bündnissen Einfluss auf die aufgeworfene Fragestellung hat. Weiterhin lässt sich die Aussage treffen, dass je größer der Anteil der Beschäftigten in der Armee im Vergleich zur restlichen arbeitenden Bevölkerung ist, ebenfalls in Verbindung mit einer anderen Variable, als Einflussfaktor für den Erhalt einer Wehrpflicht gedeutet werden kann.

 

Verwendete Quellen:

Algieri, Franco (2010): Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU. Facultas Verlag, Wien.

Barrios, Dr. Harald (2006): Qualitative Methoden des Vergleichs in der Politikwissenschaft. In: Barrios, Dr. Harald/ Stefes, Christoph H. (2006): Einführung in die Comparative Politics. Oldenbourg Verlag, München, S. 29-51.

Haltiner, Karl W. (1998): The Definite End of th Mass Army in Western Europe? In: Armed Forces & Society, Vol. 25, No. 1, S. 7-36.

Haltiner, Karl W./ Klein, Paul (2002): Europas Streitkräfte im Umbruch – Trends und Gemeinsamkeiten. In: Haltiner, Karl W. / Klein, Paul: Europas Armeen im Umbruch. Nomos, Baden-Baden, S. 7-22.

Josua, Maria (2006): Qualitative Comparative Analysis (QCA) – Eine Einführung. In: Barrios, Dr. Harald/ Stefes, Christoph H. (2006): Einführung in die Comparative Politics. Oldenbourg Verlag, München, S. 59-70.

Küllmer, Michael (2008): Die Umgestaltung der europäischen Streitkräfte: Politik, Wirtschaft und Technologie. Nomos, Baden-Baden.

Werkner, Ines-Jacqueline (2006): Wehrpflicht oder Freiwilligenarmee? Wehrstrukturentscheidungen im europäischen Vergleich. Europäischer Verlag der Wissenschaft (Peter Lang), Frankfurt am Main.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bildung, Einkommen und Elternhaus kommunaler Politikerinnen und Politiker in NRW: die stark selektierte Gruppe der gewählten Mitglieder der Gemeinde- und Stadträte

von Alexander Baudisch, Maximilian Schmelzer und Shari Tegeler

Die drei Autoren sind  BA-Studierende für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen.

 Dieser Blogeintrag bezieht sich auf das erste Paper einer Reihe über das Leben kommunaler politischer Eliten in NRW. Die Analyse sozioökonomischer und politischer Faktoren offenbarten signifikante Unterschiede, welche im Folgenden genauer betrachtet werden.

Das Papier, ko-autoriert mit Achim Goerres, Hayfat Hamidou und Florian Rabuza, ist frei verfügbar im Internet.

 

Besitzen kommunale Abgeordnete NRW´s ein politisches Erbe ihrer Eltern? Diese Frage lässt sich anhand der vorliegenden Daten durchaus mit „ja“ beantworten. Dies wird besonders anhand der beiden „Volksparteien“ deutlich: 96% der politisch aktiven Elternteile der CDU-Befragten waren ebenfalls Mitglieder der CDU. Ähnlich verhält es sich mit den Befragten der SPD – hier gaben 80% der Personen, deren Mütter und Väter bereits politisch engagiert waren an, dass ihre Eltern ebenfalls Mitglied der SPD waren. Festzuhalten gilt also, dass politisch aktive Eltern der kommunalen Abgeordneten der Volksparteien ihren Kindern ein parteipolitisches Erbe hinterlassen haben. Für die übrigen untersuchten Parteien lässt sich kein stringentes Muster erkennen – die Parteiaktivität der Eltern ist weniger eindeutig und erstreckt sich teilweise über das gesamte Parteiensystem.

Dennoch gibt es Phänomene, die über alle Parteien hinweg gelten: Unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit scheinen Kommunale Abgeordnete durchschnittlich über höhere Schulabschlüsse zu verfügen als ihre Wähler. Eine Mehrheit von 53% der Befragten gibt das Abitur als ihren höchsten Schulabschluss an. In der Gesamtbevölkerung Nordrhein-Westfalens ist dieser Anteil mit 29% weitaus geringer. Demgegenüber bildet die Gruppe der Hauptschulabgänger mit 8% innerhalb der kommunalen Abgeordneten die kleinste Gruppe – in der Gesamtbevölkerung ist dieser Abschluss mit 34% am häufigsten vertreten.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Verzerrung beim Einkommen der Abgeordneten im Vergleich zur Wahlbevölkerung, die in Tabelle 1 zu sehen ist.

 

Tabelle 1: Vergleich Einkommen

Einkommen Kommunale Eliten Allgemeine Bevölkerung
Bis 1300€ 18% 48%
1300€ – 2000€ 12% 30%
2000€ – 2900€ 28% 12%
2900€ – 3500€ 18% 6%
Über 3500€ 25% 4%

Die Quelle für den Bevölkerungsvergleich ist der Allbus 2014. Die Grundgesamtheit sind in Nordrhein-Westfalen lebende Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Beantwortet haben diese Frage 159 von 165 befragten kommunalen Abgeordneten.

2014 besaßen deutschlandweit 50% der Bevölkerung ein Einkommen von bis zu 1300€ netto pro Monat. Dieser Kennwert ist mit 48% in der Stichprobe für NRW nahezu identisch und die am stärksten frequentierte Einkommenskategorie. Im Vergleich dazu gibt nur ein knappes Fünftel der Befragten kommunalen Abgeordneten an, sich in dieser Einkommensgruppe zu befinden. Gespiegelt dazu verhält es sich mit der höchsten Einkommensklasse – Ein Viertel der Politiker verdient mehr als 3500€ netto pro Monat während nur 4% der Allgemeinen Bevölkerung NRWs ein solches Gehalt bezieht.

Auffällig ist weiterhin die Häufigkeit der Einkommensgruppen gemessen an ihrer Größe. Für die allgemeine Bevölkerung scheint zu gelten: Je höher das Einkommensniveau ist, desto seltener wird dieses erreicht. Dieser Befund gilt nicht für die befragten Kommunalen Abgeordneten bei denen die mittlere Kategorie von 2000 – 2900€ am meisten angegeben wird. Es lässt sich kein konkretes Muster erkennen. Abschließend lässt sich sagen, dass kommunale Abgeordnete im Schnitt deutlich wohlhabender sind als ihre Wähler und die Einkommensklassen daher zugunsten der Politiker enorm verzerrt sind.

Zusammenfassend lässt sich auf die Frage, um wen es sich bei den Kommunalpolitikern NRWs handelt, die Erklärung finden, dass es sich um überwiegend verheiratete gut verdienende Männer und Frauen handelt, die besser verdienende Angestellte sind und eine hohe formale Bildung besitzen. Auch nach lokalen Einheiten differenziert, aus denen die Kommunalpolitiker stammen, zeigen sich nur kleinere Unregelmäßigkeiten, wie etwa hinsichtlich des Familienstandes in großen Kommunen und der Bildungsverteilung in kleinen Kommunen.

Auf Grundlage all dieser Beobachtungen der Studie kann davon ausgegangen werden, dass es sich auch bei Kommunalpolitikern um eine Elite, im Sinne einer sich selbst rekrutierenden Gruppe handelt. Diese Punkte geben uns nicht nur ein besseres Bild und Verständnis von den Hintergründen der Kommunalpolitikern in NRW, sondern werfen auch Fragen auf, die beantwortet werden wollen.

 

 

Veröffentlicht unter Politik in der Region | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar