Universitätsarchiv: Das Duisburger Jazzlabor

Wer heute Jazz im Ruhrgebiet studieren will, würde sich an der Folkwang Universität der Künste in Essen einschreiben. Tatsächlich war der Jazz aber lange Zeit an einer Duisburger Hochschule beheimatet.

Dreh- und Angelpunkt des Duisburger Jazzstudiums war das 1971 gegründete „Jazzlabor“. Im August 1972 wurde es zu einem Institut des Fachbereichs 4 (Kunst- und Musikpädagogik) der Universität – Gesamthochschule – Duisburg. Die anfangs allen Jazz-interessierten offenstehende, sich aber primär an die angehenden Musikpädagog:innen des Fachbereichs wendende Einrichtung führte improvisatorische Gruppenübungen, Konzerte, Einzelunterricht, Exkursionen und Jazz-historische Seminare durch.

Übung im Jazzlabor, links Prof. Ilse Storb (1984)

Lehrveranstaltungen wie „Die Entwicklung der Jazzmusik“ oder „Jazz für Fortgeschrittene“ waren damals in der deutschen schulmusikalischen Ausbildung einmalig. Aufgezogen wurde dieser ganz besondere Zweig der Musikpädagogik von Ilse Storb. Die gebürtige Essenerin promovierte in den 1950er Jahren noch über den klassischen Komponisten Claude Debussy. Erst 1969 fand sie ihre Vorliebe für den Jazz und gründete gleich zwei Jahre später – zusammen mit dem Dozenten Joe Viera – das Jazzlabor.

Es folgten gute Jahre für die Jazzausbildung an Rhein und Ruhr. Ilse Storb habilitierte über Dave Brubeck und erhielt 1982 einen Lehrstuhl für Systematische Musikwissenschaft einschließlich Jazzforschung an der Universität – Gesamthochschule – Duisburg. Sie gilt damit als die einzige Jazzprofessorin Europas. Durch das Jazzlabor gingen namehafte Musikpädagogen und Musiker. Zu den heute bekanntesten Gästen bei den Improvisationsübungen zählt wohl Helge Schneider.

Ein jähes Ende fand diese Zeit der Lehre und Forschung Ende der 1980er Jahre, als das Ministerium für Wissenschaft und Forschung Sparpläne bekannt gab, welche auch die Streichung des Fachbereichs 4 für Kunst- und Musikpädagogik vorsahen. Trotz energischem Protest konnte die endgültige Schließung im Jahr 1993 nicht verhindert werden.

Mit einem Kunstgriff wurde das Jazzlabor allerdings noch für einige Jahre am Leben gehalten: Die Universität etablierte nach der Schließung des Fachbereichs ein „Zentrum für Musik und Kunst“, in dem Hochschulangehörige und interessierte Bürger:innen im Rahmen eines Studium generale Freizeit-Kurse belegen konnten. Auch das Jazzlabor fand hier ein neues Zuhause, die akademische Ausbildung von Jazzmusiker:innen und Ilse Storbs Lehrstuhl an der Universität Duisburg konnten so aber nicht gerettet werden.

Kurz nach der Jahrtausendwende wurde auch das Zentrum für Musik und Kunst geschlossen, womit das Duisburger Jazzlabor endgültig verloren ging. Und was verbleibt heute noch an der Universität Duisburg-Essen vom Jazzlabor? Zum Beispiel die 1993 von der Universität – Gesamthochschule – Duisburg vergebene Ehrendoktorwürde an den Jazzkomponisten Dave Brubeck, welcher Ilse Storb und dem Jazzlabor eng verbunden war. Auch die 1991 an der Universität Duisburg gegründete Big Band der Universität Duisburg-Essen geht auf Ilse Storb zurück und huldigt noch heute dem Jazz.

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