Unversitätsarchiv – Ein Studiengang zur „Erziehung von kompetenten Hausfrauen“?

Im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert besuchten bürgerliche Töchter höhere Mädchenschulen, um zu „vernünftigen“ Haus- und Ehefrauen erzogen zu werden. Dabei stand die Fähigkeit zur „geselligen Haushaltsführung“ im Vordergrund, nicht die konkrete Vorbereitung auf einen Beruf. Und selbst wenn Frauen in den Genuss einer Berufsausbildung kamen, war diese beschränkt auf „typisch weibliche“ Tätigkeitsfelder wie das der Lehrerin. Von der wissenschaftlichen Ausbildung waren sie lange Zeit ausgeschlossen: noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren weibliche Studierende eher die Ausnahme als die Regel.

Das änderte sich erst mit den Bildungsreformen seit den 1960er Jahren und dem Ausbau des tertiären Bildungssektors. Der Anteil von Frauen an den Hochschulen wuchs in der Folge stetig, allerdings zeichneten sich geschlechtliche Unterschiede nun vor allem hinsichtlich der Fächerbelegung ab – und das bis heute.
Während Männer tendenziell eher naturwissenschaftlich-technische Studiengänge belegen, studieren Frauen primär gesellschaftswissenschaftliche Fächer.
D 09.1.20-33_Repr_2_tifVon diesem Trend nahm sich der Lehramtsstudiengang Haushaltswissenschaften nicht aus, wenngleich er auch nur wenig mit der überkommenen Mädchenerziehung zu tun hatte. Im Vordergrund stand vielmehr die private und öffentliche Haushaltsführung, die Elemente der Volks- und Sozialwissenschaften beinhaltete. Studierende erhielten im Grundstudium eine Einführung in die Sozioökonomie des Haushalts sowie in Ernährungs- und Lebensmittellehre. Das Hauptstudium umfasste Elemente der Betriebswirtschaftslehre, Arbeitslehre und Technologie, worunter die „Analyse, Planung und Gestaltung von Arbeitsverfahren nach wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten“ zu verstehen war.

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Geprägt wurde der Studiengang vor allem durch Prof. Dr. Maria Thiele-Wittig, die von 1973 an das Fach 20 Jahre lang an der ehemaligen Gesamthochschule Duisburg lehrte. In einem Nachruf an die im Frühjahr 2012 verstorbene Wissenschaftlerin liest sich heraus, dass Thiele-Wittig die Vermittlung von „Kompetenzen zur Alltagsbewältigung und Lebensführung in einer zunehmend komplexen Welt“ in den Vordergrund gestellt hatte – und nicht die Erziehung von „kompetenten Hausfrauen“.

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