Gegen den Bildungsnotstand!

D 09.1.04-8_Repr_2_tifAls 1972 im Rahmen des sogenannten ‚Nordrhein-Westfalen-Programms 1975‘ acht neue Hochschulen, darunter die beiden Gesamthochschulen Duisburg und Essen, gegründet wurden, war der Höhepunkt einer Entwicklung erreicht, die die hochschulpolitische Arena schon einige Jahre in Anspruch genommen hatte. Das Programm stellte gewissermaßen die Antwort der Landesregierung dar auf die Diskussion um die Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre, die der Pädagoge Georg Picht mit dem Ausrufen eines ‚Bildungsnotstandes‘ in der Bundesrepublik angestoßen hatte. Dabei wurde als vordringliches Problem gesehen, dass das deutsche Bildungssystem den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung verloren habe; Deutschland drohe somit die Einbuße seiner internationalen Konkurrenzfähigkeit. Als Grund hierfür wurde der Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal ausgemacht, eine wirksame Gegenmaßnahme sah Picht in der massiven Erhöhung der Zahl von Abiturient*innen, Lehrer*innen-, und Akademiker*innen. Schon mit der Neugründung von Universitäten in Bochum, Dortmund und Düsseldorf hatte Nordrhein-Westfalen in den 1960er Jahren hierauf in gewisser Weise reagiert, wobei allerdings noch die überkommenen Hochschulstrukturen zum Tragen kamen. Erst seit der Gründung der Bielefelder Universität im Jahr 1969 fanden neue Bildungskonzepte Eingang. In Duisburg und in Essen galt es 1972 dann das Gesamthochschulkonzept umzusetzen, in dem die Aufgaben von Forschung, Lehre und Studium vereint werden sollten, gleichzeitig aber auch die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis. Besonderes Augenmerk wurde bei der Auswahl der Hochschulstandorte auf „Chancengleichheit im Bildungswesen“ gelegt, bildungsferne Schichten und Landesregionen ohne Hochschulen wie etwa das Ruhrgebiet, in dem es bis zur Gründung der Ruhruniversität 1962 keine einzige Hochschule gegeben hatte, sollten besonders berücksichtigt werden. Die in den 1970er Jahren neugegründeten Hochschulen boten also zum einen mehr fachliche und räumliche Kapazitäten für die steigenden Studierendenzahlen, zum anderen erweiterte sich das Einzugsgebiet durch die räumliche Verteilung. Darüber hinaus stellten die neuen Hochschulen eine Antwort dar auf den sich bereits abzeichnenden Strukturwandel, der die Folgejahrzehnte im Ruhrgebiet bekanntlich maßgeblich prägen sollte.

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