Abschlussbericht vom Praktikum bei Ghana Statistical Service

Von Jonas Elis

Vor einigen Wochen habe ich in diesem Blog vom Forschungspraktikum bei Ghana Statistical Service (GSS) berichtet. Seit diesem Zwischenbericht sind einige weitere Erfahrungen aus der Arbeit am ghanaischen Zensus 2020 und Eindrücke aus dem Alltagsleben hinzugekommen.

Nach den ersten Wochen in der „Map Creation Unit“, die hauptsächlich Büroarbeit mit sich brachte, ging es im zweiten Teil des Praktikums ins Feld. Das bedeutet, dass ich einem Team aus vier Mitarbeitern und einem Supervisor zugeordnet wurde, welche die westlichen Stadtteile Accras Straße für Straße besuchten und teilweise neu kartographierten. Um das bestehende Kartenmaterial zu prüfen und die Intervieweranweisungen zu formulieren, mussten mehrere solcher Teams von GSS jede einzelne Enumeration Area begehen, in die Ghana für den Zensus 2020 eingeteilt ist. Da diese Gebiete nach ihrer Einwohnerzahl gebildet werden, sind sie im dicht besiedelten Stadtgebiet Accras relativ kleinräumig.

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Zufällig führte uns die Feldarbeit für mehrere Tage auch in die Umgebung der Elektromülldeponie Agbogbloshie. Zwar überwiegen die positiven Erinnerungen an meine Zeit in Accra, doch waren die Stunden an diesem Ort eine große körperliche und mentale Herausforderung. Auf der Elektromülldeponie, auch Sodom and Gomora genannt, werden unter anderem Elektrogeräte repariert oder ausgeschlachtet. Da in großen Mengen Kabel und Plastikeile verbrannt werden um an darin enthaltene Metalle zu gelangen, liegt nahezu permanent ein giftiger, dunkler Nebel über der Anlage. Der Fluss Odawe, der durch das Areal fließt, ist hochgradig verseucht und von Abfällen bedeckt. Trotz dieser lebensfeindlichen Umwelt herrscht auf der Deponie Tag und Nacht geschäftiges Treiben und in direkter Nachbarschaft befinden sich einer der größten Gemüsemärkte Westafrikas sowie das Slum Old Fadama. Die Gegend ist einerseits bekannt für ihre Kriminalität und die besonders geringe Lebenserwartung unter einigen Arbeiterschichten, ihre Einwohner haben aber einen gewissen Stolz und es herrscht Ordnung in einer stabilen sozialen Hierarchie. Der Aufenthalt auf der Elektromülldeponie erfordert eine Absprache mit einem lokalen Chief. Da sich hier häufig auch europäische MitarbeiterInnen von Umwelt- und Gesundheitsorganisationen aufhalten, fiel ich weniger auf als gedacht. Für die wenigen entstandenen Fotos gab es die Genehmigung eines Chiefs unter freundlicher Mithilfe meines Supervisors.

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An diesem Ort, der voll von irregulären Behausungen und einer mobilen wie derzeit unbestimmbar großen Bevölkerung ist, zeigten sich in extremer Form die methodischen Probleme des ghanaischen Zensus.

Da wäre zum einen die Definition einer Behausung. Sie umfasst jede Form von „Structure“, die ein Dach besitzt und bei der Zählung möglicherweise der Aufenthaltsort einer oder mehrerer Personen sein könnte. In Agbogbloshie sind viele überdachte Gebäude Arbeitsort und Schlafplatz zugleich. Da sich Agbogbloshie, mehr noch als andere Viertel in Accra, seit dem letzten Zensus verändert hat, war die Begehung dieses Ortes zur Prüfung des bestehenden Kartenmaterials besonders wichtig. Die Wege und Gebäude mussten per GPS erfasst und beschrieben werden, um die Arbeit der Interviewer während des Zensus überhaupt zu ermöglichen. Ohne Melderegister, Straßennamen und ein flächendeckendes Adresssystem stellt die Prüfung des Kartenmaterials vor Ort einen großen aber notwendigen Aufwand dar. Zwar ist Agbogbloshie ein extremes Beispiel, doch müssen die zuständigen Behörden bei GSS eine Vielzahl kreativer und gut durchdachter Maßnahmen entwickeln, um die korrekte Durchführung des Zensus zu gewährleisten. Durch illegal errichtete Häuser blockierte Straßen und ungeahnte Bevölkerungsentwicklungen in Enumeration Areas sind nur zwei der vielen großen Hindernisse.

Der Mangel an exaktem Wissen darüber, wo sich die ghanaische Bevölkerung aufhält, lässt kaum lehrbuchartige Strategien für die Durchführung des Zensus zu. Praktische Lösungen wie die Errichtung von Checkpoints oder die Aushändigung von Karten an bereits gezählte Personen sollen garantieren, dass Undercoverage bei der Zählung so gut wie möglich vermieden wird.

Interessant ist hierbei auch, dass GSS stets um die Akzeptanz seiner Arbeit in der Bevölkerung bemüht ist. Der Population Census wird von der Bevölkerung weitgehend unterstützt und als Notwendigkeit zur Verbesserung der Lebensumstände im Land angesehen. Dies bedeutet im Gegenzug aber auch, dass wir bei der Feldarbeit, als Personal einer staatlichen Behörde erkennbar, auf die Probleme in den jeweiligen Wohnvierteln angesprochen wurden. Angesichts der Hitze und verbleibenden Arbeit hieß es dann: Geduld bewahren, stets freundlich bleiben und höflich beschwichtigen.

Der Zensus 2020 beginnt, voraussichtlich im März, mit der in Ghana traditionsreichen Census Night. Indem das Land durch die Veranstaltung zahlreicher Events in eine Art positiven Ausnahmezustand versetzt wird, soll die Census Night im Gedächtnis der Bevölkerung verankert werden. Personen, die aus verschiedenen Gründen gleich zu Beginn des Zensus nicht angetroffen wurden, sollen ihre Antworten auf den Fragebogen zu einem späteren Zeitpunkt mit Referenz zu diesem besonderen Tag geben.

Die methodischen Standards bei GSS sind sehr hoch und wie ich gelernt habe, werden die Fähigkeiten des Personals von GSS auch in anderen afrikanischen Ländern gefragt, wenn es um die Durchführung derartiger Großprojekte geht. Das liegt vermutlich nicht zuletzt an der guten Vernetzung mit internationalen Organisationen. Vor der Abreise gab es von GSS noch eine Einladung für die Census Night, die ich nach Möglichkeit wahrnehmen möchte.

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