Erfahrungsbericht: Ein Semester in New Orleans, Louisiana (USA)

Von Lukas Fiege

Lukas Fiege ist Student der Politikwissenschaft im Bachelor an der Universität Duisburg-Essen und studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für empirische Politikwissenschaft. Hier berichtet er von seinem Studienaufenthalt an der Tulane University in den Vereinigten Staaten.

Das Wintersemester 2017/18, mein fünftes Fachsemester im Bachelorstudiengang Politikwissenschaft, verbrachte ich an der Tulane University in New Orleans, Louisiana, USA. Ich durfte die stadtspezifische sowie amerikanische Südstaaten-Kultur kennenlernen, mein wissenschaftliches Englisch verbessern und vor allem die Vorteile des amerikanischen Universitätssystems nutzen.

Die Tulane University ist eine private Universität, was sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar macht. Die Kurse sind klein, die Betreuung durch Dozenten und Professoren hervorragend, was akademische Beziehungen zu ihnen möglich macht, und der Campus bildhübsch. Große Rasenflächen und viele Sitzgelegenheiten unter alten Südstaaten-Eichen bilden eine inspirierende Kulisse für Arbeit und Muße. Die Ausstattung der alten Universitätsgebäude trägt durch modernstes Gerät, viele Arbeitsplätze und hohe Internetgeschwindigkeit zu einer guten Lernatmosphäre bei.

Das amerikanische Universitätssystem unterscheidet sich vom deutschen System deutlich: Arbeitsleistungen werden über das ganze Semester verteilt erbracht. Dazu sind Anwesenheitspflicht sowie mündliche Beteiligung Teil des Bewertungsschemas, was die studentische Vorbereitung und das Engagement generell erhöht. Das führt zu produktiveren Diskussionen, bedeutet mit größerem Lesepensum aber auch ein deutlich höheres Arbeitspensum. Zusätzlich sind Studiengänge inhaltlich weniger strikt festgelegt, sodass ich theoretisch sämtliche Kurse fachfremd belegen hätte können. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mir einerseits einen historisch-politischen Wissensstamm zu den Vereinigten Staaten aufzubauen, sowie andererseits mein Interesse im Bereich politischer Theorie und Philosophie zu vertiefen. Dabei kann an der Tulane University aus einer für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Vielzahl von Kursangeboten ausgewählt werden. Es lohnt sich, diese Freiheit und Möglichkeit zur Spezialisierung auszunutzen; besonders, weil die Anrechnungsmöglichkeiten von Leistungen für Studenten der Politikwissenschaft im letzten Jahr verbessert wurden. Durch gute Vorbereitung in vorherigen Semestern und Planung (etwa in Form eines Learning Agreements) kann das Studium trotz Verfolgung der eigenen Interessen immer noch in sechs Semestern abgeschlossen werden.

Grundsätzlich ist das Leben und Studieren in den USA an einer privaten Universität kostenintensiver als in Deutschland oder in den meisten europäischen Ländern. Mietkosten und Lebenshaltungskosten sind deutlich höher. Es lohnt sich, außerhalb des Campus zu leben und auf die angebotene Essensflatrate zu verzichten – denn selbst ohne diese Ausgaben und die erlassenen Studiengebühren schrauben Flug, Visum, Reisekosten, Unternehmungen, Lehrbücher und Auslandskrankenversicherung die Kosten in die Höhe. Gute Planung hilft: Das Due-Mobil Stipendium, etwaiges Auslands-Bafög und weitere mögliche Stipendien können dies ausgleichen. Dennoch empfehle ich, etwas Reserve anzusparen oder sich anderweitige Unterstützung zu sichern.

Das studentische Leben an der Tulane University ist campuszentriert. Die meisten Studierenden leben auf dem Campus oder nicht weit entfernt und verbringen ihre gesamte Zeit dort oder in unmittelbarer Nähe – es ist auch alles geboten: Sport-Ereignisse, Bars, Partys, Restaurants, weitläufige Rasenflächen und Parks sowie studentische Aktivitäten aller Art. Dennoch lohnt es sich meiner Erfahrung nach, den Campus bisweilen zu verlassen und New Orleans zu erkunden: Die im Herbst immer noch unfassbar schwüle und heiße Stadt bietet für jeglichen Geschmack etwas: Jazz-Bars, Basketball- und American Football-Spiele, Clubs, Cajun-Food, historische Gebäude und Museen, jede Menge Geschichte, die erlernt werden will und vor allem ein Mix aus Kulturen, der einzigartig und gar nicht typisch ist für den „Deep South“ der USA. Um amerikanische Kultur kennen zu lernen und sich selbst herauszufordern, empfehle ich, sich mit (möglichst lokalen) US-Amerikanern anzufreunden und deutschen/europäischen Studenten, so sehr sie einem natürlich auch verbunden sind, nicht zu viel Zeit zu widmen. Eine Einladung zum traditionellen Thanksgiving-Dinner ist eine unschlagbare Erfahrung.

Einblick in die Atmosphäre an der Tulane University in New Orleans. (Foto: Lukas Fiege)

Einblick in die Atmosphäre an der Tulane University in New Orleans. (Foto: Lukas Fiege)

In der 30-tägigen „Grace Period“ nach Ende des Studienprogramms bietet es sich an, auf dem Weg zurück nach Europa einen Abstecher in die Metropolen der Ostküste der USA zu machen: Washington D.C., Boston und New York liegen auf dem Weg. Aber auch ein Besuch der Westküste der USA ist machbar – ich habe es sehr genossen, beide Küsten im Anschluss an das arbeitsreiche Semester zu erkunden und meinen kulturellen Eindruck der USA zu vertiefen.

Ich kann folglich eine klare Empfehlung für folgende Studierende aussprechen, ein oder zwei Semester an der Tulane University zu verbringen: Wen ein hohes Arbeitspensum und ebensolche Kosten nicht abschrecken, sondern als Herausforderung motivieren, wird eine enorme persönliche und fachliche Entwicklung nehmen. Gerade für Studierende mit Ambitionen, wissenschaftliches Englisch für eine akademische oder englischsprachige Karriere zu erlernen, sowie mit akademischem Interesse an US-Politik bietet sich diese Erfahrung an. Mein eines Semester an der Tulane University war mit Sicherheit das produktivste meiner Studienzeit und elementar für meine persönliche und akademische Entwicklung.

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