0 € oder 3780 € im Jahr: hohe Kindergartengebühren verschlechtern die strategische Position von Duisburg und Essen gegenüber Düsseldorf

von Achim Goerres

Kindergartengebühren variieren enorm zwischen deutschen Großstädten. Unterschiede können durch politisch-ökonomische Faktoren wie den politischen Mehrheitsverhältnissen und der allgemeinen Ressourcenausstattung erklärt werden. Die aktuelle Gebührensituation in Duisburg und Essen benachteiligt diese Städte gegenüber Düsseldorf im Wettbewerb um junge Familien.

In den Jahren 2007 bis 2010 mussten Familien mit einem Bruttohaushaltseinkommen von 45.000 € und einem 4jährigen Kind in Duisburg 1008 € Kindergartengebühren im Jahr für 35 Wochenstunden Betreuung zahlen. In Essen zahlte eine vergleichbare Familie am Anfang dieser Zeit das gleiche, in der zweiten Hälfte „nur“ 876 €. Für Familien mit höheren Einkommen lagen die Gebühren für ein 4jähriges Kind bei knapp über 2000 € bis über 2500 € im Jahr. Damit lagen beide Städte deutlich in der teuren Hälfte der  Kindergartengebühren aller 100 deutschen Großstädte – Essen auf Rang 67 und Duisburg auf Rang 77 für die mittleren Einkommensfamilien. Für die hohen Einkommensfamilien war die Stadt Duisburg sogar die teuerste Stadt mit satten 2520 €, also Schlusslicht auf Platz 100.

Deutschlands Gebührenlandschaft für die Jüngsten ist ein einziger Flickenteppich. Sogar die Unterschiede innerhalb der  Kommunen sind verwirrend groß und abhängig von der Einkommenssituation der Eltern, der Kinderzahl pro Familie und dem Alter der Kinder. Zwischen den Kommunen reichen die Unterschiede von 0 € wie in Düsseldorf bis zu mehreren tausend Euro im Jahr wie in Duisburg. Wer heute in Duisburg sehr gut verdient und sein Kind 45 Stunden pro Woche betreuen lassen will, zahlt 315 € im Monat, also 3780 € im Jahr.

Diese Unterschiede und ungewöhnlich hohen Gebühren sind umso bemerkenswerter, als dass für viele Familien die Kosten pro Kind höher sind als der Besuch einer NRW-Universität. Zurzeit betragen die Gebühren an einer NRW-Uni 0 €. Lediglich ein Semesterbeitrag von beispielsweise 259 € an der Uni Duisburg-Essen bringt aufs Jahr gerechnet eine Belastung von 43 € im Monat und beinhaltet zudem noch ein kostenloses Ticket für die Nutzung des ÖPNV in ganz Nordrhein-Westfalen.

Für die mittleren und höheren Einkommensfamilien ist ein kleines Kind in Bezug auf Bildung damit teurer als ein Studentenkind.

In einer Studie mit Markus Tepe habe ich gezeigt, dass sich die Unterschiede zwischen den Kommunen durch politisch-ökonomische Faktoren erklären lassen. Zwei stechen hier besonders deutlich heraus.

Erstens: wer hat, macht’s billiger. Leere Kassen sind eine ganz wichtige Erklärung für hohe Kindergartengebühren.

Zweitens: linke Mehrheiten gehen mit höheren Gebühren einher. Auf lokaler Ebene lassen sich selten die typischen Verteilungseffekte von links-rechts zeigen. Hier jedoch ist der Effekt sehr deutlich – linke Mehrheiten im Stadtrat führen zu höheren Gebühren, weil linke Parteien eher bereit sind, mittlere und höhere Einkommensfamilien zu belasten.

Nun kann man diese Gebührenlandschaft allgemein beklagen und in Frage stellen, aber darüber hinaus sind Kindergartengebühren ein strategischer Nachteil für die Städte Duisburg und Essen. Sie grenzen an eine ganze Reihe weiterer Großstädte: Mülheim an der Ruhr, Düsseldorf, Krefeld, Oberhausen, Bottrop, Bochum. Wie jede Stadt versuchen die beiden Uni-Städte mit gezielten Maßnahmen, Einwohner anzuziehen, insbesondere Familien mit arbeitenden Eltern und kleinen Kindern.

Das Schöne für Essen und Duisburg ist: alle die sie umgebenden Großstädte erheben ähnlich hohe Kindergartengebühren wie sie selbst – außer Düsseldorf.

Nun wären – gerade für Duisburg – Familien aus Düsseldorf eine gute Zielgruppe, weil die Mieten in Düsseldorf deutlich höher sind als in Duisburg. In Duisburg und Essen bezahlte man 2013 für eine 90 m²-Wohnung gebaut nach 1995 in guter Wohnlage 6,90 €/m², in Düsseldorf dagegen mehr als 10 Euro/m². So macht der Mietvorteil für Duisburg und Essen gegenüber Düsseldorf bei 90 m² etwa 279 € aus. Da Düsseldorf aber keinerlei Gebühren für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren erhebt, ist dieser Vorteil in den Immobilienpreisen durch die Kindergartengebühren aufgehoben. Der Vorteil für Düsseldorf ist dabei umso stärker, je höher das Einkommen der Familien ist, weil die hohen Gebühren in Essen und Duisburg einkommensabhängig erhoben werden, der Mietspiegel aber nicht vom Einkommen des Mieters abhängt.

Nun kann man argumentieren, dass Kindergartengebühren eine vorübergehende Gebühr von wenigen Jahren ist. Leider trifft sie dann auf die Familien, wenn sie sich, wie die Soziologen es nennen, in der Rush Hour of Life befinden, in einer wirtschaftlich riskanten Lebensphase mit geringem Vermögen, Einkommensausfall durch Elternzeiten und den Geldrisiken einer jungen Familie. Wer Familien in dieser Phase nicht anzieht, wird sie nie mehr bekommen, sobald das erste Kind in der Schule ist.

 

Verwendete Quellen

Goerres, Achim/Tepe, Markus (2013): Für die Kleinen ist uns nichts zu teuer? Kindergartengebühren und ihre Determinanten in Deutschlands 95 bevölkerungsreichsten Städten zwischen 2007 und 2010, dms – der moderne staat, 2013/01 (Teilschwerpunkt „Der Gebührenstaat“ hrsg. von Christoph Knill).

Kindergartenmonitor 2010 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und der Zeitschrift Eltern

http://www.insm.de/insm/Publikationen/INSM-Studien/Kindergartenmonitor-2010.html

Mietspiegel für Duisburg und Essen

http://www.duisburg.de/vv/50/medien/Mietspiegel_2013.pdf

https://media.essen.de/media/wwwessende/aemter/68/Mietspiegel.pdf

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