Die Siegertexte des ersten “literatur ct.”-Preises!

Beim ersten literatur ct. Preis im Juli 2015 konnten folgende drei Texte je 100€ gewinnen.Den Jury-Preis teilten sich Johannes Küssner und Cornelia Schneider. Lisa Kischels Text konnte das Publikum überzeugen.

Von Johannes Küssner

Hinweg, Rückweg, in sich gekehrt

Sobald die Tür sich leise geschlossen hat und er, wie immer, müde von gestern noch sich setzt, den Kopf zurück geneiget. Langsam nun fährt er so hin und schweiget. Und trotz der Vielen tritt bei ihm Stille ein. Vorüber ziehen etliche Menschen ihm. Doch er senkt nicht den Blick zu ihnen. Niemanden hört er, bloß seine Stimmen. All jene welche schweigend gewesen sind, die stellen plötzlich nagende Fragen ihm: „Obwohl du wenig Muße hattest, weißt überhaupt du noch etwas? Wenn dann so sage uns doch, was du erklären kannst! Ganz klar und deutlich soll deine Antwort sein! Doch nichts! Nur wirre Bilder ohne jegliche Ordnung und sonst bloß Chaos!“ Doch alle Stimmen hallen nur dumpf in ihm und keiner gibt er, hätt er es auch versucht, nur eine Antwort, da er lieber schwelget in seiner so kurzen Ruhe. Sobald die Tür sich leise geöffnet hat und er, wie immer, langsam nur sich erhebt. So wie von einer fernen Reise, geht er nun zögernd der Hast entgegen.

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Zurück kommt er und setzt sich wie vorher, still und müde wartend. Keine Erkenntnis war ihm heut‘ beschieden, nur noch neue Informationen, die jetzt in seinem so müden Hirn sich türmen und türmen. Doch er kann sie nicht mehr ordnen, weshalb er nun vermeint, dass er nichts weiß und könne. Alles verschwindet in dieser Fülle. Warum denn lernt er? Alles verrinnt sofort! Doch jetzt ganz plötzlich tritt bei ihm Stille ein. Vertraut‘ und unbekanntes Raunen wispert kaum merklich nun seine Klage:
Große Mühe war mir und doch ist mir nichts geblieben.
Vieles hab ich gelernt, nichts davon bleibet in mir.
Stetig sind meine Blicke in die Ferne gerichtet.
Ist die Stufe erreicht, wartet die nächste bereits.

Alma Mater! Warum ist keine Zeit mir gegönnet?
Diese aber ich brauch, um zu verstehen den Sinn.
Deine Früchte der Lehre habe so ich verschlungen:
Ohne Rast und Genuss! Ist dies von dir so gewollt?

Sollte nicht zum Verstehen Zeit mir bleiben und Ruhe?
Wiedergeben allein heißt nicht begreifen den Kern!
Daher bleiben so deine Worte wirkungslos mir, sie
Gehen kurz durch mich durch, treten jedoch keine Spur.

Und darauf hebt er freudig den hellen Blick. Denn seine Klage hat ihm jetzt offenbart, dass möglich ist, dass alle Lehren unbewusst ihm, ihn durchsogen haben, dass trotz der Hektik alle vorhanden sind. Und keine Früchte, wie er geglaubet hat, denn wurden ihm geboten, sondern Keime, die langsam und leise sprießen. Sobald die Tür sich leise geöffnet hat und er, nun diesmal sicher jetzt sich erhebt, da traf ihn letztlich der Gedanke: „Was wäre wenn bereits all mein Denken von all den Dingen, die ich gelernet hab, schon so durchtränkt ist, dass ich es kaum noch fühl‘? Verändert wär so auch mein »Denken über das Denken«, was ich nicht merkte.“ Was ihm zur Kenntnis, ward ihr zum Lob gemacht, denn die Gedanken waren ein kunstlos Lied. Und leise lächelnd stieg sodann er sicheren Schrittes der Welt entgegen.

 

Von Cornelia Schneider

Studentisches Faultier

 

Am Morgen schält sich der Student aus den Federn. Das tut er der Art, wie sich eine Banane aus ihrer Hülle schält, wenn sie noch unreif aber schon essbar ist; wo sie noch recht viel Grün und recht wenig Gelb trägt also. Von solcher Art Banane lösen sich die aus Bitterstoffen geflochtenen Fädchen nicht wie gewollt  beim Schälvorgang ab, sondern kleben unverfroren weiter  an der eigentlichen Frucht. Ebenso bemüht sich der Student des Morgens seine warmen Daunenhüllen abzustreifen von der müden Haut, die sich jetzt beim besten Willen nicht aus den warmen Kissen pellen mag. In der Nacht zuvor hat diese Haut seine durstige Seele zuverlässig durch die Semesterparty getragen und  dabei hie und da ein deodorantes Gemisch transpiriert. Ob  Prüfungspanik-Schweiß   oder ein Rinnsal den  das Tanzen stiftete. Das kann er – der Student-  nicht mehr gänzlich diagnostizieren, als am Morgen seine Nase im Halberwachen in seine rechte Achselhöhle vorstößt. Dies ist aber doch der Moment, in dem jener beißende Geruch ihn ganz erwachen lässt. Er rafft sich auf, sein Bettzeug rafft er irgendwie – nur nicht ordentlich-  zusammen;  und ob er selbst gleich im Seminar etwas raffen wird, darüber denkt er jetzt nicht nach.

Auf seinem Schreibtisch strecken sich blasse Eselsohren schlapp unter Bücherkanten hervor. Seine Augen flimmern leicht suchend aber mehr betrachtend über diese Stapelhochburg. „Fulminant diese Türme und Anhöhen, geradezu anmutig!“, denkt er bei sich. Dort kreuzt ein Stift die getragene Socke und an der Kaffetasse, unweit der Tischkante, kräuseln sich die Skripte, die er sucht, zu einem knitterfaltigen, staubbetupften Mosaik zusammen. Ein wenig wehmütig fühlt er sich gedrängt, die monumentale Schreibtischkunst zu zerstören und zerrt beherzt an jenen Papieren, die er  für heute in seine Tasche stopft.

Frühstück wird überbewertet, meint er, und schlachtet im Bad die akademische viertel Stunde aus, die ihm an eigentlicher Stelle nachher fehlen wird. In später Minute erreicht er seine U-Bahn und gleich darauf die Masse aus Studierenden und Professoren, die ihm das Bindeglied zum Aufzug sind. Von diesem sieht er keinen splittergroßen  Ausschnitt  und doch kann er zwischen den gedrungenen Gehirnmassen hindurch erahnen, dass sich an dortiger Stelle immer schon die Aufzugtür befand. So bleibt er unerschütterlich in seinem Glauben, dass sie wohl auch heute noch eben dort sei, hinter der Menschenansammlung stehen.  Seine Beharrlichkeit zahlt sich aus, als er sich inmitten der Gehirnmassenverdichtung einem schleusenähnlichen Vorgang hingibt und sich von der allgemeinen menschlichen Bewegung in den gähnenden  Schlund des Aufzugs mitziehen lässt. „Irgendjemand drückt immer die richtige Etage“, denkt er sich und überlässt den Fingerslalom, den er jetzt betreiben müsste, um zwischen Professorenanzügen und  studentischen Hipster-Bärten bis zum Etagenknopf hindurchzugreifen,  jemand anderem.  im Grunde, fällt ihm ein, dass gar niemand seine Etage, die drei, drücken muss, denn erfahrungsgemäß gehen selbst Aufzüge hier einem akademischen, Kant’schen Habitus nach und haben Mut sich ihrer eigene Ratio zu bedienen, denn sie pausieren sogar selbstständig auf jenen Etagen, für die niemand gedrückt hat. Kaum zu Ende gedacht, steigt er aus und sieht den vielen Gehirnen,  beim Auseinanderstreben in alle Richtungen zu. Er muss an Formationen der Zugvögel denken, und fliegt seinerseits  gedankenbehangen durch die Flure, hin zu seinem Seminarraum. An der Tür angelangt, blickt ihn ein karger Zettel an: „Das Seminar für angewandte, universitäre Inhalte fällt heute krankheitsbedingt aus.“ Auf seiner Zunge bettet sich süß der Geschmack von Bananen. Er weiß nicht recht warum.

 

Von Lisa Kischel

halb eins

 

magisch. weltfremd. faszinierend. euphorisch. surreal.

Meine Welt. Unsere Welt.
Wir feiern Partys. Nichts Neues? Wir feiern Partys im Präpsaal. Neugierig? Nun denn. Tod und Leben gehen immer einher. Wir verdrängen dies oft. Nicht nur wir. Ihr auch. Aber wir können nicht die Augen davor verschließen. Können nicht nicht hinsehen. Müssen nicht ignorieren. Wollen wissen, wollen lernen.
Wie damals bei der Einschulung. Große Augen. Sie leuchten. Sie zucken. Sie spiegeln. Spiegeln das kalte Licht, die weißen Fliesen. Hallende Nervosität zwischen den niedrigen Decken. Festklammern an vertrauten Händen. Erzwungenes Loslassen. Allein. Allein in der Gruppe. Statt Schultüte ein Kasten. Statt Schokolade scharfes Metall. Dieselben, unsicheren Blicke. Dieselbe Angst. Davor, was jetzt kommen mag.
Blicke schweifen. Blicke bleiben hängen. An den unförmigen Bergen. Bedeckt mit Plastik. Und den Konturen. Menschlichen Konturen. Kaum Halt. Nur noch der kleine Kasten. Fest umklammert. Nervöses Grinsen. Lachen. Nur der Mund. Augen weit.
Und doch. Angst schweißt zusammen. Eine Einheit. Jeder Tisch. Und jetzt Neugier. Neugier vor dem Tod. Dem Menschen. Dem Menschen unter dem Tuch. Der Schnittstelle zwischen Theorie und Realität. Zwischen Buch und Fleisch. Zwischen Ideal und Natur.

Noch vor kurzem wars eine Tanzfläche. Des Lebens.
Leben. Trinken. Tanzen. Im Präpsaal. Bunte Lichter auf den weißen Fliesen. Kondensierter Schweiß an den Wänden. Nasse Bierpfützen am Boden. Dreckige Fußabdrücke. Melancholie der Alten. Faszination der Jungen. Euphorie was kommen mag.

Ganz anders nun. Und doch gleich. Wieder kondensierter Schweiß. Statt Bier Desinfektionsmittel. Dreckige Fußabdrücke. Das Tuch wird gelüftet. Schock. Moment. Neugier. Erleichterung. Der Tod hat sich konserviert. Hat sich verkleidet. Sieht aus wie eine Puppe. Kein Mensch. Ein Mensch. Wir schauen auf. Nur durch Tod auch Leben. Erstaunlich.
Wir werden eine Einheit. Eine Familie. Lehrer und Schüler. Freunde. Kommilitonen.
Leiden gemeinsam. Lernen gemeinsam. Lehren gemeinsam. Schneiden. Sehen. Vergleichen. Theorie und Realität. Buch und Fleisch. Ideal und Natur. Leben und Tod.

Wir schwitzen nicht mehr. Nur bei den Prüfungen. Transformation. Gewohnte Umgebung wird gefürchtet. Aber wir. Wir sind eine Einheit. Bestehen gemeinsam. Versagen gemeinsam. Feiern gemeinsam.

Und es geht schnell. Der Tod? Das Ende. Respekt vor dem Tod. Respekt vor den Toten. Respekt vor den Menschen. Dankbarkeit. Trauer. Abschied.

Der Kreis schließt sich. Leben. Trinken. Tanzen. Im Präpsaal. Melancholie. Alles so fern. Alles so nah. So surreal. Und wir treffen uns. Eine Einheit. Familie. Freunde. Um halb eins. An der Theke. Im Präpsaal. Und wir trinken. Auf den Tod, das Leben und auf uns. Salz. Tequila. Zitrone. Auf den Tod, das Leben und auf uns.

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